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Hier spricht die Republik

27.03.2006 ·  Selbstbewußte Vielfalt: Frankreich setzt auf Elastizität

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PARIS, im März

Als Frankreich 1992, zweihundert Jahre nach ihrer Entstehung, durch eine Verfassungsänderung erstmals das Französische ausdrücklich zur Landessprache erklärte, nahmen die zu diesem Zweck in Versailles versammelten Abgeordneten aus Parlament und Senat eine kleine Akzentverlagerung im Universalitätsanspruch vor. Die ursprünglich vorgesehene Formulierung: "Französisch ist die Sprache der Republik" wurde ersetzt durch: "Die Sprache der Republik ist Französisch."

Ganz so eng verkettet konnten Sprache und Staatsform ja nicht sein. Die Klarstellung von 1992 zielte weniger auf die Eindämmung des Kommunikations-Englisch oder der verschiedenen Immigrantensprachen. Wenn auf Schulhöfen und Quartiersplätzen mitunter in nordafrikanischer Dialektvariante Arabisch oder gelegentlich Vietnamesisch gesprochen wird, dann behauptet das Französische sich doch weiterhin als unbestrittene Verständigungs- und gemeinsame Kultursprache. Eine intensive Sprach- und Kulturpolitik zur Kolonialzeit und eine aktive Politik der "Francophonie" danach haben Rangbewußtsein und Einfluß des Französischen nachhaltig gesichert. Erst bei den chinesischen Einwanderern jüngeren Datums ergeben sich heute vereinzelt Sprachprobleme.

Hintergrund der Verfassungsänderung war 1992 vielmehr die innere Sprachenvielfalt. Das politisch früh geeinte Frankreich, das seit Richelieu das Französische systematisch als Vektor des inneren Zusammenhalts einsetzte, ist in der paradoxen Situation, zugleich noch in Europa die meisten lebendigen Regionalsprachen zu haben. Das Bretonische, Baskische, Katalanische, Korsische, Provencalische, Mosel-Fränkische, Flämische sind überdies älter als das Französische, von den Sprachen der Überseegebiete ganz zu schweigen.

All diese Sprachen verlangen nach offizieller Anerkennung und werden von der Europäischen Union darin unterstützt. Frankreich hat als eines der wenigen Länder die europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen bis heute nicht unterzeichnet. Da das herkömmliche Universalitätsargument - Französisch für das Öffentliche, Regionalsprachen allenfalls für die Familie - nicht mehr ausreicht, muß es den neuen Umständen angepaßt werden. Diese Korrektur ist derzeit im Gange. Vor vier Jahren wurde die Delegation für die französische Sprache im Pariser Kulturministerium zur "Delegation generale a la langue francaise et aux langues de France" erweitert.

Die Formel "Sprachen Frankreichs" ist das neue Stichwort der Republik. Das Prinzip der universalen Gültigkeit wird vom Modus der Einheit in den der Vielfalt übersetzt, indem die französische Sprache und Kultur als Speerspitze aller bedrohten Minderheiten im In- und Ausland angesehen werden. Dieses Modell steht im Einklang mit jener Logik, die den kulturpolitischen Einsatz Frankreichs in der Welt in den vergangenen zehn Jahren von der "kulturellen Ausnahme" zur "kulturellen Vielfalt" umorientiert hatte.

Wenn das Französische sich über die Jahrhunderte mit einem so hohen Universalitätsanspruch aufladen konnte, hat das nicht zuletzt damit zu tun, daß es lange Zeit weniger selbstverständlich gesprochen wurde als etwa das Deutsche im deutschen Sprachraum. Laut einer Untersuchung des Abbe Gregoire war 1793 nur ein Drittel der Einwohner Frankreichs des Französischen mächtig. Um so wichtiger schien es, in historisch bewegter Zeit, die Begriffe Revolution, Nation, Republik, Einheitssprache aneinanderzubinden. Waren in den ersten Revolutionsjahren noch alle gesprochenen Sprachen im Land als Sprachen der Republik zugelassen, so traten vor allem Barrere und der Abbe Gregoire von 1794 an resolut für die Einheitssprache Französisch ein.

Verständlich, logisch nachvollziehbar, intellektuell ansprechend, ja attraktiv zu herrschen blieb weit über die Revolution hinaus ein Grundprinzip des französischen Obrigkeitsprinzips. Keine Nation hat mit so großem Bildungsaufwand seine Kolonialmacht ausgeübt. Wichtiger als Volks-, Blut-, Traditions- und Glaubensbindung sei die Bindung durch die Sprache, schrieb der Generalsekretär der Alliance Francaise 1891, acht Jahre nach Gründung dieser Institution. Kolonialherrschaft sei eine "schwierige Kunst", die mit den Mitteln des Sich-beliebt-Machens, des Imponierens und des einnehmenden Sprechens arbeiten müsse. Dieses Vertrauen in die Wirkungskraft des zugleich prägnanten und eleganten Ausdrucks hält sich in Frankreich bis heute, im positiven wie im negativen Sinn.

Muß dem Englischen die Kraft des Pragmatischen zugestanden werden, nimmt das Französische für sich desto entschiedener die Kraft des Prinzipiellen in Anspruch. Das letzte Mal, sagt der des Patriotismus unverdächtige Pierre Encreve, sei die Stimme dieses Prinzipiellen weltpolitisch zu vernehmen gewesen, als Dominique de Villepin vor drei Jahren im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vom Kriegseinsatz im Irak abriet - de Gaulles Rede in Phnom Penh und die Rede Mitterrands in Cancun hätten da nachgeklungen. Dieser weithin geteilte Glaube ans Prinzipielle läßt Polemiken für oder wider die Verbindlichkeit des Französischen im Land nicht aufkommen.

Das Problem des Französischen sei, so der Linguist Claude Hagege (College de France) in seinem Buch "Combat pour le francais", daß diese Sprache seit der mittelalterlichen Hofkultur und dann wieder nach dem Grand Siecle als Elitensprache Welterfolg gehabt habe, während das Englische schon nach der Eroberung Großbritanniens im elften Jahrhundert zur Volks- und Oppositionssprache geworden sei. Selbst in seinen herben Gauloiserien wirkt Französisch oft wie eine Volkssprache "von oben". Damit hängt wohl auch zusammen, daß Frankreich so empfindlich auf den Druck des Englischen reagiert.

Seine starke Resistenz erklärt sich freilich nur sekundär aus den Sprachgesetzen Jacques Toubons von 1994, die in Verwaltung und Werbung unmotivierte Fremdwörter unter Strafe stellen. Diese Gesetze hätten genauso wie andere rasch wieder vergessen werden können, werden aber schlecht und recht befolgt. Die Bevölkerung teilt ihre Absicht. Ein Kommissionsbericht über die Zukunft der Schule, der unter Vorsitz von Claude Thelot im Herbst vor zwei Jahren für den obligatorischen Englischunterricht neben Französisch vom zweiten Schuljahr an plädierte, weckte solche Empörung, daß der damalige Erziehungsminister ihn schnell tief in der Schublade versenkte.

Mehr als Sprachpatriotismus, Gesetzeszwang und Abschottungsreflexe leistet die Spielfreude der Sprecher des Französischen für dessen Vitalität und Selbstbewußtsein. Die Muttersprache des Kalauers hat nicht aufgehört, sich von neuen Gesellschaftsprozessen durchdringen zu lassen. Von der Oppositionskultur der Wortverdrehung im "verlan" der sechziger Jahre über die genuin französische Variante des Rap bis zu den Sprachkreationen des "texto", die im SMS- und E-Mail-Verkehr heute verspielte Botschaften aus Buchstaben- und Zahlenkombinationen verbreiten, nimmt das Französische auf originelle Weise die neuen Befindlichkeiten auf.

Für das, was der karibische Schriftsteller Edouard Glissant den "Kreolisierungsprozeß der Welt" nennt - schockhafte Durchdringung statt organischer Verschmelzung - und in seinem auch deutsch erschienenen Aufsatzband "Kultur und Identität" darlegt, eignet sich Französisch dank seiner hohen Formbarkeit von Anfang an besser als die im Gebrauch gefestigten Sprachen Spanisch und Englisch. Was zum Beispiel auf Jamaika, schreibt Glissant, eine bloße Dialektform des Englischen ergeben habe, sei im Kreolischen auf Martinique zu einer eigenen, wenn auch nah am Französischen haftenden Sprache geworden. Ähnliches ließe sich in den schwarz- und nordafrikanischen Milieus quer durch Frankreich beobachten. Ob dies über die Subkultur hinauswachsen wird, steht noch dahin. Frankreich lernt aber derzeit, daß Regelverstoß und Extravaganz eine gute Überlebensstrategie sind, solange von der Mitte genug erhalten bleibt. JOSEPH HANIMANN

Quelle: F.A.Z., 28.03.2006, Nr. 74 / Seite 41
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