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"Hellwacher Hingucker und freundlicher Zeitgenosse"

Jan Seghers neuer Schriftsteller im Bücherturm

OFFENBACH. Das schönste Kompliment machte am Donnerstagabend der Literaturwissenschaftler Heiner Boehncke dem neuen "Schriftsteller im Bücherturm der Stadt Offenbach". Jan Seghers' Kriminalromane seien spannend: "Da kann man glatt vergessen, dass das Badewasser kalt wird", sagte Boehncke und gab damit zu verstehen, dass er seine Bücher nicht nur am Schreibtisch liest. Seine Laudatio auf den Träger des mit 12 500 Euro dotierten Literaturpreises war ebenfalls keine trockene Angelegenheit. Boehncke verstand das Publikum bestens zu unterhalten. Er beschrieb Matthias Altenburg, der sich für seinen ersten Kriminalroman im Jahr 2004 das Pseudonym Jan Seghers zugelegt hatte, als einen "hellwachen Hingucker", messerscharfen Essayisten und Kritiker, der sein Metier virtuos beherrsche und sehr gute Gesellschaftsromane im Krimigewand schreibe. Zudem sei er ein freundlicher Zeitgenosse ohne Starallüren.

Boehncke bescheinigte dem seit gut 20 Jahren in Frankfurt lebenden Preisträger, dass seine "Liebe" zu Offenbach nicht professioneller sein könne. Nach einer Radtour entlang des Mains habe er jüngst enthusiastisch angekündigt, ein Teil seines nächsten Krimis werde am Schultheisweiher spielen. Der Laudator griff auch eine Frage des Offenbacher Oberbürgermeisters Horst Schneider (SPD) auf, der laut darüber nachgedacht hatte, ob es ihn überhaupt freuen dürfe, wenn seine Stadt zum Schauplatz von Verbrechen werde. Boehncke hatte dazu eine Meinung: "Wenn es von Seghers geschildert wird, können Sie stolz sein", sagte er und ließ es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass ausgerechnet Offenbach den Wahl-Frankfurter zum Stadtschreiber mit Wohnrecht in einer kleinen Einliegerwohnung des Bücherturms gemacht habe.

Vor vier Jahren hatte Altenburg begonnen, Kriminalromane nach dem Vorbild skandinavischer Autoren wie Henning Mankell zu veröffentlichen. In seinen bisher drei Krimis lässt der 1948 in Fulda geborene Schriftsteller Kriminalkommissar Robert Marthaler in Frankfurt ermitteln. Seine Position als anerkannter deutscher Krimiautor bestätigte er auch mit seinem neuen Roman "Partitur des Todes", der einen Spitzenplatz auf der "Spiegel"-Bestsellerliste eroberte. Das Pseudonym Jan Seghers sei eine Verneigung vor der Erzählerin Anna Seghers, hatte der Schriftsteller 2005 gesagt. Der Vorname Jan sollte Jan Ullrich auf der Tour de France helfen, was allerdings erst zwei Jahre später klappte.

Altenburg ging am Donnerstagabend auf die Frage ein, ob Kriminalromane Kunst oder Kultur niedriger Güte seien. Er zitierte einen Kinogänger, der einst seine Erwartungen an einen guten Film geäußert hatte: "Für 50 Pfennige Eintritt kann ich erwarten, dass an meine niedrigsten Instinkte appelliert wird." Der neue Offenbacher Stadtschreiber glaubt ebenfalls zu wissen, was sich seine Leser wünschen. "Sie wollen sich nicht langweilen."

Nach dem Erscheinen seines ersten Krimis hatte Altenburg gesagt, er halte das Schreiben von Kriminalromanen nicht für Kunst. Daraufhin sei ein Aufschrei durch die Branche gegangen. "Mit einem einzigen Satz hatte ich die Mehrheit der Kollegen gegen mich aufgebracht", erinnerte sich Altenburg, der später vorsichtiger formulierte und das Verfassen eines Kriminalromans als ein "kunstvolles Handwerk" bezeichnete.

Der Offenbacher Jury bescheinigte er Mut, da sie einem Autor den Literaturpreis verliehen habe, der sein Genre nicht als Kunst eingeschätzt habe. Auch die Tatsache, dass die Wahl auf einen in Frankfurt lebenden Autor gefallen sei, finde er bemerkenswert. In einer Zeitung war er deshalb auch schon leicht ironisch als "literarischer Landesverräter" tituliert worden. Abschließend las Altenburg aus der "Partitur des Todes" vor, allerdings nicht ohne die Zuhörer zuvor gewarnt zu haben, dass sie möglicherweise nicht alle Zusammenhänge begreifen könnten. Dies sei jedoch Absicht, meinte der Schriftsteller: "Denn schließlich sollen Sie meinen Roman noch kaufen." AGNES SCHÖNBERGER

Quelle: F.A.Z.

 
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