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"Heftiges, heftiges Sperrfeuer"

24.03.2003 ·  Die Amerikaner eröffnen schon jetzt den Kampf um die irakische Hauptstadt Bagdad / Von Nikolas Busse

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FRANKFURT, 24. März. Früher als die Medienberichte vom Wochenende erwarten ließen, hat im Irak-Krieg die Schlacht um Bagdad begonnen. Am Montag berichtete der Fernsehsender CNN, mehrere amerikanische Kampfhubschrauber vom Typ Apache hätten kurz nach Mitternacht bei Kerbela, etwa neunzig Kilometer südlich von Bagdad, Einheiten der republikanischen Garde angegriffen. Sie seien auf "heftiges, heftiges Sperrfeuer" gestoßen, berichtete der Reporter des amerikanischen Kanals. Der dreistündige Angriff galt dem Vernehmen nach der sogenannten Medina-Division der Republikanischen Garde. Offenbar wollten die Amerikaner einige T-72-Kampfpanzer dieser irakischen Eliteeinheit zerstören. Damit haben sie schon am fünften Tag eine Phase des Krieges eröffnet, die vom amerikanischen Oberkommando als entscheidend eingestuft wird: Fällt Bagdad, dann stürzt Saddam Hussein, lautet die Logik des amerikanischen Kriegsplanes.

Die Republikanische Garde, die über insgesamt etwa 90 000 Soldaten verfügen soll, schützt nach amerikanischen Erkenntnissen die Hauptstadt mit drei Divisionen vor der Stadt. Hinzu kommt eine ihrer Spezialeinheiten, die zentrale Anlagen in der Hauptstadt sichern soll. Dazu gehören Flughäfen und Kommandozentralen. Die Schlacht gegen die Republikanische Garde, die Saddam Hussein angeblich treu ergeben ist, wurde vom Pentagon schon lange vor Beginn der Kampfhandlungen als die eigentliche Herausforderung bezeichnet. Die regulären Truppen des Irak, immerhin auch gut 400 000 Mann stark, würden ohnehin rasch kapitulieren, lautete eine in Washington oft verbreitete Annahme. Deren Verwirklichung sollte auch durch den Abwurf von 20 Millionen Flugblättern befördert werden, in denen die irakischen Soldaten zur Aufgabe aufgefordert wurden.

Tatsächlich scheint sich die Bodenoffensive der Amerikaner nun immer stärker auf Bagdad zu konzentrieren. Reporter der "New York Times" berichteten aus dem Irak, am Sonntag sei ein unendlicher Strom von Soldaten und Kriegsmaterial in Richtung Norden zu sehen gewesen. Der Anblick habe einer großen Karawane geglichen, die bis an den Rand des Horizontes gereicht habe. Die langen Kolonnen von Lastwagen, Kampffahrzeugen und Geländewagen hätten auf der Straße nach Bagdad sogar Staus hervorgerufen.

Diese Berichte deuten darauf hin, daß die amerikanischen Truppen derzeit keine starke Präsenz im Süden des Landes aufbauen wollen. Städte wie Basra, um die vor ein paar Tagen noch gekämpft wurden, haben die großen Heeresverbände nach den bisher zugänglichen Informationen nun umgangen. Zwar wurden um Basra (wie auch Nassirija) Belagerungsringe gebildet, bei deren Aufbau es zu Gefechten (mit Verlusten) kam. Allem Anschein nach haben die Amerikaner aber offenbar nur ein Interesse an diesen Städten, soweit sie über strategisch wichtige Infrastruktur verfügen, wie die Brücke über den Euphrat bei Nassirija. Ansonsten deutet einiges darauf hin, daß die Kommandeure den Befehl haben, nicht in Städte einzudringen, wenn sie nicht müssen, um Straßenkämpfe und Flüchtlingsströme zu vermeiden.

Das wäre eine bemerkenswerte Abkehr von Teilen der amerikanischen Kriegsstrategie, wie sie vor Beginn des Krieges verkündet worden war. Die Eroberung von Basra, der größten Stadt im Süden, die gemeinsam mit britischen Einheiten stattfinden sollte, galt vor Beginn der Kampfhandlungen noch als ein wichtiges erstes Ziel. Aus der mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadt, so lautete die Hoffnung, könnten bald Bilder von jubelnden Irakern gezeigt werden, die die Amerikaner als "Befreier" feiern. Nach allem, was bekannt wurde, halten sich die Schiiten, die seit Jahren von der sunnitischen Clique Saddams unterdrückt werden, bisher aber mit Unterstützung für die einrückenden Soldaten der Koalition zurück.

Gegen den schnellen Durchmarsch im Süden versuchen sich die Iraker offenbar mit Guerrilla-Taktiken zur Wehr zu setzen. Amerikanische Zeitungsreporter, die sich bei den vorstoßenden Truppen befinden, meldeten, es sei kaum zu direkten Konfrontationen mit der irakischen Armee gekommen. Statt dessen habe es Angriffe aus dem Hinterhalt gegeben, auch verbunden mit Täuschungsmanövern. So griffen irakische Soldaten bei Nassirija amerikanische Marineinfanteristen an, nachdem sie vorher so getan hatten, als wollten sie sich ergeben.

Im Mittelpunkt des irakischen Widerstands stehen dabei sogenannte Fedaijin-Kämpfer, die Saddams Sohn Udai unterstehen. Sie tragen schwarze Uniformen oder Zivilkleidung. Vor allem letzteres macht es für die Koalition schwierig, weil die Angreifer nicht von der normalen Bevölkerung zu unterscheiden sind. Nach Angaben amerikanischer Militärs haben diese Kommandos ihnen bisher die meisten Verluste beigebracht. Möglicherweise seien Tausende im Süden unterwegs, die es offenbar vor allem auf die leichter verwundbaren Nachschub-Konvois der Amerikaner abgesehen hätten. General William S. Wallace, der Kommandeur des 5. amerikanischen Heereskorps, der den Angriff auf Bagdad leiten soll, gab gegenüber der "New York Times" zu, man habe nur erwartet, von Fedaijin-Milizen in Städten angegriffen zu werden, nicht aber außerhalb.

Von den Fedaijin soll es angeblich 60 000 Kämpfer geben. Sie sind zwar vermutlich nicht so gut ausgerüstet wie reguläre Soldaten. Sollten sie aber im Süden aktiv werden, dann könnten die Nachschubwege der Amerikaner merklich gestört werden. Da jeder nur verfügbare Mann auf dem Weg nach Bagdad scheint, dürfte der Südirak für absehbare Zeit ein relativ schwach gesichertes Gebiet sein. Schon vor Beginn des Krieges hatten manche amerikanischen Militärfachleute Zweifel geäußert, ob die Zahl der eingesetzten Soldaten nicht zu gering sei. Im Golfkrieg 1991, wo es "nur" um die Befreiung Kuweits ging, hatten die Vereinigten Staaten mehr als 430 000 Mann aufgeboten. Bisher sind es etwa 250 000 Soldaten.

Die nächsten Tage werden zeigen, ob die Guerrilla-Kämpfer im Süden den amerikanischen Vormarsch auf die Hauptstadt ernsthaft beeinträchtigen können. Die Schlacht um Bagdad dürfte an sich schon schwierig genug werden. Wegen des gleichzeitigen Beginns von Luft- und Bodenoperationen - ein Novum in der modernen amerikanischen Kriegführung - fehlt dort ein wichtiges Element: Die Stellungen der Republikanischen Garde konnten nicht durch wochenlanges Luftbombardement "aufgeweicht" werden. Auch die Kommandostrukturen und die Luftabwehr in und um die Hauptstadt scheinen durch die bisherigen Luftschläge zwar beeinträchtigt, nicht aber zerstört, wird berichtet. Ein amerikanischer Pilot, der an den ersten Angriffen bei Kerbela beteiligt war, sprach denn auch von einem "Hornissennest", als er vom ersten Einsatz an diesem vordersten Frontabschnitt zurückkehrte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2003, Nr. 71 / Seite 3
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