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Handy-Sparte von Siemens ein Sanierungsfall

11.11.2004 ·  Pierer verlangt für Mobiltelefone endlich eine Lösung / Noch keine Ergebnisprognose des Konzerns

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Siemens AG, München/Berlin. Die Geduld von Siemens mit der Mobiltelefonsparte nähert sich dem Ende. Im vergangenen Geschäftsjahr (30. September) ist diese wieder in die Verlustzone gerutscht. "Die Handys müssen saniert werden", forderte Heinrich von Pierer in seiner letzten Jahrespressekonferenz als Vorstandsvorsitzender des Elektro- und Elektronikkonzerns. "Es darf nicht sein, daß Geschäftsgebiete auf Dauer die Kapitalkosten nicht verdienen." Der gesamte neue Bereich Telekommunikation (Siemens Com), der knapp ein Viertel des Konzernumsatzes erzielt, wird offenbar auf eine Neuordnung vorbereitet.

"Der Umfang der Maßnahmen zur Zukunftssicherung" des größten Geschäftsfeldes steht nach Pierers Worten aber noch nicht fest. Damit begründete er, daß Siemens für das neue Geschäftsjahr eine Ergebnisprognose vorerst schuldig bleibt. Unsicherheit herrscht auch wegen des schwachen Dollar - Siemens plant mit einem Kurs von 1,35 je Euro -, steigender Rohstoffpreise und der Entwicklung der Bahntechnik sowie des Informationstechnik-Dienstleisters SBS, die ebenfalls mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Zum Umsatz sagte Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, er werde wegen des guten Auftragseingangs 2003/04 stärker als um 1 Prozent zulegen. "Auch wenn das Inlandsgeschäft nicht richtig aus den Startlöchern kommt", fügte er hinzu.

Im vierten Quartal und im gesamten vergangenen Geschäftsjahr erfüllte Siemens mit den Umsatz- und Gewinnzahlen die eigenen Erwartungen und die der Börse. Den Kursabschlag von 1 Prozent auf 59,92 Euro bis zum Nachmittag begründeten Aktienhändler damit, daß sich Spekulationen auf eine Sonderdividende nicht bewahrheitet haben. Pierer kündigte für 2003/04 eine von 1,10 auf 1,25 Euro erhöhte Ausschüttung je Aktie an. Den Geschäftswertbeitrag, der angibt, um wieviel der Gewinn nach Steuern die Kapitalkosten übersteigt, hat Siemens auf 1,36 (Vorjahr 0,45) Milliarden Euro gesteigert.

Von Juli bis September erzielte der Konzern einen Umsatz von 20,8 (Vorjahreszeitraum 19,8) Milliarden Euro und einen Gewinn nach Steuern von 654 (724) Millionen Euro. Der neue Bereich Com ist erst nach dem Ende des Geschäftsjahres gegründet worden, doch zusammengenommen haben der Mobilfunk (ICM) und die Festnetzkommunikation (ICN) 2003/04 einen Umsatz von 18 (17) Milliarden Euro und ein Bereichsergebnis von 569 (minus 186) Millionen Euro erwirtschaftet. Die Ergebnismarge von 3,1 Prozent ist noch weit von der Vorgabe von 8 bis 11 Prozent entfernt. Das Geschäftsgebiet Mobiltelefone hat mit einem Verlust von 152 Millionen Euro das Bereichsergebnis erheblich verschlechtert. "Das ist ein herber Rückschlag", sagte Neubürger. Im Jahr zuvor hatten die Handys noch einen Gewinn von 27 (82) Millionen Euro beigetragen. Allein für den Schlußabschnitt 2003/04 nannte Pierer einen Verlust von 141 Millionen Euro. Im Sommer hatte sich der Konzernchef optimistisch gezeigt, die Scharte des Defizits im dritten Quartal zum Jahresende mit der neuen Handy-Serie 65 auszuwetzen. Doch die Software-Panne der neuen Geräte und Verkaufspreise, die unter den Erwartungen von Siemens blieben, zerstörten die Hoffnungen. "Es wird nicht einfach sein, schnell überzeugend schwarze Zahlen zu erzielen", sagte Pierer. Der Durchschnittspreis für 51,1 (39,1) Millionen verkaufte Siemens-Handys im vergangenen Geschäftsjahr ist um 16 Prozent auf rund 97 Euro gefallen. Von Juli bis September hat Siemens den Marktanteil von 6,9 auf 7,6 Prozent gesteigert und blieb somit hinter Nokia, Motorola und Samsung an vierter Stelle im Weltmarkt.

Pierer forderte, die Entwicklung neuer Mobiltelefone zu beschleunigen. Lothar Pauly, Vorstandschef von Siemens Com, hatte diesen Schritt und eine Sanierung innerhalb von höchstens 18 Monaten schon im August angekündigt, damals aber gesagt, die Idee, mit einem Partner ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen, stehe derzeit nicht auf der Agenda. "Kooperationen auf Teilgebieten sind möglich", berichtete dagegen Pierer über die gesamte Com-Sparte. Deutlicher könne er nicht werden, da eine Prüfung noch laufe. Schon in der Vergangenheit hat Siemens Versuche unternommen, das Mobiltelefongeschäft mit asiatischen Herstellern zusammenzubringen und mit Motorola die Handy-Sparte gegen das Funknetzgeschäft zu tauschen.

Schwierigkeiten bereitet dem Konzern weiterhin auch der IT-Dienstleister SBS, der im vergangenen Geschäftsjahr nur dank des Verkaufs des größten Anteils an Kordoba, einer Gesellschaft für Banken-Software, mit einem Bereichsergebnis von 40 Millionen Euro und einer Marge von 0,8 Prozent in der Gewinnzone geblieben ist. Der Verkauf hat einen Gewinn von 93 Millionen Euro eingebracht.

Die Konstruktionsfehler der Straßenbahn Combino haben Siemens im vierten Quartal nochmals mit 91 Millionen Euro belastet. Im gesamten Geschäftsjahr kostete den Konzern das Technikdesaster 400 Millionen Euro. Das Bereichsergebnis der Verkehrstechnik fiel mit minus 434 (plus 284) Millionen Euro und einer Marge von minus 10,1 (6) Prozent noch schlechter aus. Auch andere Projekte wie der Hochgeschwindigkeitszug Madrid-Barcelona liefen für Siemens schief. "Aus heutiger Sicht ist keine weitere Vorsorge für den Combino notwendig", berichtete Pierer. Ein für Dezember oder Januar erwartetes Gutachten über die Reparaturkosten der Bahnen soll das Thema abschließend klären.

Verläßliche Gewinnquellen waren für den Konzern dagegen wieder die Automatisierungs- und Antriebstechnik (A&D), Medizintechnik, Energieerzeugung und -übertragung, Osram und die Automobiltechnik von Siemens VDO. Sie bereiten Pierer Freude: "Hier handelt es sich um echte Erfolgsstorys." A&D erzielte mit einem Bereichsgewinn von 1,08 Milliarden Euro 2003/04 eine Marge von 12,2 (9,6) Prozent. Siemens VDO verbesserte diesen Wert auf 6,2 (5) Prozent, Osram auf 10,5 (9,8) Prozent. Die Medizintechnik blieb mit 14,8 (15,1) Prozent über der Vorgabe von 11 bis 13 Prozent. Die Energieerzeugung erreichte mit 12,8 (16,8) Prozent den Zielkorridor.  (him.)

"Das ist ein herber Rückschlag"

Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2004, Nr. 265 / Seite 15
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