04.06.2008 · Es fehlt an H- und Vollmilch in den Läden am Untermain
htr. KREIS ASCHAFFENBURG. Genau 61 Cent soll ein Liter frische Vollmilch im Penny-Markt in Goldbach kosten. Doch das Regal hinter dem gelben Preisschild ist leer. Die Kassiererin will den Filialleiter herbeiholen, kommt aber ohne ihn zurück. "Der Chef möchte sich gar nicht weiter äußern", wurde ihr aufgetragen. "Sie sehen, dass nichts mehr da ist. Er hat keine Information, wie es weitergeht." Der Vorgang ist typisch für die Scheu der Angestellten in den großen Handelsgesellschaften, sich öffentlich zu äußern. Bei dem Chef von Kaufland an der Würzburger Straße in Aschaffenburg ging sie sogar so weit, dass er nicht einmal sagen wollte, was jeder sehen konnte: Bis gestern Mittag war das Angebot an Milch noch vollständig. Damit war das Kaufland allerdings die große Ausnahme. In vielen anderen Läden sind die Folgen des anhaltenden Boykotts der Bauern inzwischen unübersehbar. In Stadt und Kreis Aschaffenburg wird die Milch knapp.
Dies gilt in erster Linie für die sogenannten Eigenmarken, die so preisgünstig sind, dass der Handel damit nach eigenen Angaben keinen Gewinn erzielen kann. So ist im Aschaffenburger Real-Markt die haltbare H-Milch der Marke "Tip" zur Neige gegangen. Dasselbe gilt für die Produkte vom bayerischen "Gut Neuburg". Der Geschäftsleiter berichtet von zahlreichen Kunden, die sich angesichts des Lieferstopps mit größeren Mengen an H-Milch eingedeckt hätten. Weil die Geschäfte keine Lagerräume unterhalten, sind sie vollständig auf die täglichen Lieferungen angewiesen. Die Zentrale hat für heute eine neue Palette avisiert. Ob sie tatsächlich eintrifft, ist ungewiss.
Auch bei Lidl in Goldbach gab es gestern keine H-Milch mehr zu kaufen. Bei Tengelmann stand noch ein Liter Vollmilch der Hausmarke "A&P" im Regal. Aldi hatte noch ganze sechs Packungen vorrätig. Der Edeka-Markt Stenger wird nach eigenen Angaben von seinem Zentrallager in Heddesheim bei Heidelberg seit Dienstag nicht mehr mit der Vollmilch beliefert, die er unter dem Markennamen "gut und günstig" angeboten hat.
Hans Donner, Inhaber eines Rewe-Marktes in Goldbach, ist von seiner Handelsgesellschaft informiert worden, dass die H-Milch der Marke "ja" zur Neige gegangen sei und frühestens in der nächsten Woche wieder lieferbar sein werde. Nun wird das Produkt der Molkerei Weihenstephan empfohlen. Donner beobachtet schon seit Tagen Hamsterkäufe. Inzwischen dürfen seine Kunden höchstens noch zwei Kartons, also insgesamt 24 Packungen, in ihren Wagen laden.
Die gegenwärtigen Mängel im Sortiment der Lebensmittelläden erklärt der Kaufmann mit zwei Tendenzen: Zunächst deckten sich die Kunden angesichts der Berichte über den Lieferstopp der Bauern mit H-Milch ein. Gleichzeitig oder anschließend griffen sie zu den preisgünstigsten Frischeprodukten, die alle Handelsgesellschaften zu dem von Aldi vorgegebenen Preis anböten. Erst danach kauften sie die hochwertigere Ware - jedenfalls solange es sie noch gebe.