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Grüne Jugend Die Kinder der Ewigjungen

19.05.2005 ·  Obwohl Jusos, Junge Union und Julis über gewählte und stimmberechtigte Vertreter in den Bundesvorständen ihrer Parteien verfügen, wird dem grünen Nachwuchs kein Stimmrecht zugestanden. Die Grüne Jugend und der lange Marsch durch die Parteiinstitutionen.

Von Majid Sattar
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Die Grünen besaßen lange Zeit keinen Grund, sich um den Nachwuchs zu sorgen. Als Anti-Establishment-Partei gegründet, zogen sie quasi natürlich junge Mitglieder und Wähler an, die mit ihrer Beitritts- beziehungsweise Wahlentscheidung gleichsam ein Bekenntnis gegen alles Konventionelle zum Ausdruck bringen wollten.

Mit den Jahren wurde das Jungsein zum Bewußtseinszustand, während die Delegierten auf den Parteitagen - auf der Bühne wie in den Rängen - ergrauten. Erst 1994 gründete sich ein Grün-Alternatives Jugendbündnis, erst 2001 wurde es unter dem Namen Grüne Jugend als Teilorganisation von der Partei adoptiert.

Kein Stimmrecht

Daß die grüne Mutterpartei sich immer noch für hinreichend jung hält, ist schon daran zu sehen, daß die Nachwuchsorganisation zwar bei Sitzungen des Bundesvorstandes und des Parteirates anwesend ist, allerdings wird ihr kein Stimmrecht zugestanden. Jusos, Junge Union und Julis verfügen über gewählte und stimmberechtigte Vertreter in den Bundesvorständen ihrer Parteien.

Stephan Schilling, Sprecher des Bundesverbandes der Grünen Jugend, sucht eine Erklärung: „Ich habe nicht das Gefühl, daß uns das Stimmrecht viel bringen würde. Wir verschaffen uns auch so Gehör.“ Doch dann fügt er an: „Es ist sicherlich ein Prozeß. Wir erkämpfen uns unser Standing.“

Auch verweist er darauf, daß im Bundesvorstand der Partei zwei ehemalige Funktionsträger der Nachwuchsorganisation, Katja Husen und Omid Nouripour, vertreten seien, die heute frauen- beziehungsweise migrationspolitische Sprecher ihrer Partei sind.

„Talentschmiede“

Die Bundesgeschäftsführerin der Mutterpartei, Steffi Lemke, nennt die Grüne Jugend eine „Talentschmiede“ und „Ideenwerkstatt“. Das Verhältnis zur Mutterpartei sei „kritisch und befruchtend“ und damit „im besten Sinne dialektisch“. Ein Stimmrecht will sie der Nachswuchsorganisation aber nicht zugestehen: „Unser Jugendverband bringt sich aktiv in die Sitzungen und Beratungen des Vorstandes und des Parteirates ein. Auch deswegen ist ein Stimmrecht gegenwärtig kein Thema.“

Schilling verkörpert den Anspruch der Grünen, mehr als ein Ein-Generationen-Projekt zu sein, im Wortsinne: Der 22 Jahre alte Student der Volkswirtschaftslehre in Berlin, der im, wie er sagt, konservativen Eichsfeld in Niedersachsen aufwuchs, ist der Sohn eines Grünen-Parteimitglieds und einer Bioladen-Betreiberin. Schilling brach nicht, wie andere, mit seiner grünen Sozialisation, engagierte sich in der Nachwuchsorganisation zunächst auf Landesebene, seit nunmehr zweieinhalb Jahren im Bundesvorstand.

Seit 2004 führt er gemeinsam mit Ines Eichmüller die etwa 6.000 Mitglieder zählende Organisation. Beim Bundeskongreß in Erfurt Anfang Mai wird er sich um eine zweite Amtszeit bemühen; Frau Eichmüller muß nach zwei Jahren einer Nachfolgerin Platz machen.

Links von der Mutterpartei

Schilling siedelt seinen Verband trotz eines gewissen Pluralismus links von der Mutterpartei an. „Wir sind im einzelnen Kritiker des Regierungshandelns, ohne ins Radikale abzudriften.“ Das konkretisiert sich etwa im Verhältnis zu sozialen Bewegungen wie Attac, deren deutschen Ableger die Grüne Jugend mitgegründet hat. Heute teile man zwar die generelle Globalisierungskritik, doch betrachte man die Kampagne von Attac gegen den Europäischen Verfassungsvertrag mit großer Sorge.

Problematisch sei die Kritik an Hartz IV gewesen. „Auch von uns gab es Kritik an der Reform. Was aber Attac gemacht hat, war undifferenziert und populistisch“, sagt Schilling. Ähnlich verläuft seine Abgrenzung von der PDS-Jugend Solid: Man sei kapitalismuskritisch, bekenne sich aber zur sozialen und ökologischen Marktwirtschaft. Doch gebe es auch inhaltliche Schnittmengen, etwa bei der Bekämpfung des Rechtsradikalismus oder in der Drogenpolitik, bei der er für die Legalisierung von Cannabis eintrete.

Fischer nicht interessiert

Kritisch, aber durchaus konstruktiv sei die Arbeit der Nachwuchsorganisation in den Gremien der Bundespartei, sagt Schilling. Wie ernst sein Verband parteiintern mit seiner inhaltlichen Arbeit genommen werde, hänge von den Personen ab. Das Verhältnis zu den Vorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer sei gut, Joschka Fischer habe sich hingegen noch nicht sehr für die Grüne Jugend interessiert.

So sagt Schilling denn auch: „Wir begrüßen es, daß er sich innerparteilich zurückgenommen hat.“ Trotz dieser Distanz zum grünen Patriarchen unterstützt Schilling Fischer in seiner Funktion als Außenminister. „Sowohl die Änderung der Gedenkpraxis für verstorbene Diplomaten als auch die Visa-Politik war inhaltlich richtig“, sagt Schilling, der jedoch anfügt, daß in der Visa-Frage gewiß auch einzelne Fehler im Verwaltungshandeln gemacht worden seien. Parteiräson ist Schilling nicht fremd; es ist Wahlkampf, nicht der richtige Zeitpunkt, um sich mit Kritik an Fischer parteiintern zu profilieren.

„Gerechtere und ökologischere Politik“

Schilling gibt zu, daß Rot-Grün schon bessere Zeiten erlebt hat. Daß in Nordrhein-Westfalen die letzte rot-grüne Landesregierung abgewählt zu werden droht, veranlasse ihn nicht zu machtpolitischen Planspielen. Wenn man keine Mehrheit habe, müsse man sich auf die Suche nach neuen gesellschaftlichen Mehrheiten, nicht nach neuen Koalitionspartnern machen. Für Schwarz-Grün sehe er jedenfalls keine inhaltliche Grundlage.

„Sollten wir 2006 wieder in die Opposition gehen, werden die Grünen sicher wieder ein Stückchen in Richtung einer gerechteren und ökologischeren Politik rutschen und einige Entscheidungen - insbesondere in der Innen- und Bürgerrechtspolitik -, die in der Regierungszeit getroffen wurden, in Frage stellen.“ Dazu will Schilling beitragen.

Einen Generationswechsel erwartet er - von Ausnahmen abgesehen - hingegen noch nicht. Was Schilling zum Ausdruck bringt, ist die Hoffnung, daß ein schmerzlicher Machtverlust zumindest eine reinigende Wirkung entfaltet. Eines steht aber auch für ihn fest: Zurück zu den Grünen von 1980 will er nicht.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 5
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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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