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Griechischer Joghurt

Horst Seehofer entdeckt den Außenpolitiker in sich

MÜNCHEN, 10. Dezember. Bayern unternimmt zaghafte Schritte auf dem Weg in die Unabhängigkeit, den der CSU-Vordenker Wilfried Scharnagl vorgezeichnet hat. Es wird zwar nicht damit gerechnet, dass der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident Horst Seehofer noch vor der Landtagswahl an die Tradition eines bayerischen Außenministeriums anknüpft, die erst im Nationalsozialismus ein Ende fand. Aber eine kleine weiß-blaue Außenpolitik darf es schon einmal sein; am Montag unterzeichneten Bayern und Tunesien eine Vereinbarung über den Ausbau der Zusammenarbeit. Es gehe jetzt darum, „den Erfolg des demokratischen Übergangs in Tunesien zu sichern“, sagte Emilia Müller, die sich einstweilen nur Europaministerin nennt.

Wenige Stunden zuvor hatte Seehofer persönlich demonstriert, dass Bayern bestens gerüstet ist, sich auf dem internationalen Parkett zu behaupten. Er brillierte bei dem Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Antonis Samaras mit Formulierungen, die das intensive Studium mehrere Standardwerke der diplomatischen Kunst vermuten ließen. „Größten Respekt“ bringe er den griechischen Reformanstrengungen entgegen, ließ Seehofer seinen Gast wissen. Elegant fegte er die kleinen und großen Rüpeleien, mit denen CSU-Politiker in den vergangenen Monaten gegenüber Griechenland geglänzt hatten, vom Tisch. Samaras und er blickten nur in die Zukunft, ließ Seehofer wissen; von der Betrachtung der Vergangenheit hätten die Menschen nichts.

Auch Erinnerungen an das Schicksal des Wittelsbachers Otto, der im 19. Jahrhundert griechischer König wurde und dort nicht auf übergroße Dankbarkeit stieß, passen nicht zur neuen bayerischen Außenpolitik. Die beiden CSU-Rauhbeine, der bayerische Finanzminister Markus Söder, der ein Exempel an den Griechen statuieren wollte, und Generalsekretär Alexander Dobrindt, der Athen 2013 außerhalb der Eurozone sah, sind schwankende Gestalten aus grauer Vorzeit für den bayerischen Chefdiplomaten Seehofer. Niemand soll die CSU für eine aufgeblähte Version der Freien Wähler halten, deren Vorsitzender Hubert Aiwanger sich als Euroskeptiker kostümiert. Zumindest Söder, dem großen Adaptiven der bayerischen Politik, dürfte das neue Griechenland-Feeling der CSU nicht allzu schwer fallen. Er dürfte sehr rasch wissen, was sein Lieblingsdessert ist - der Apfelstrudel mit geeistem griechischem Joghurt, den Seehofer kredenzen ließ. (ff.)

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.12.2012, 17:20 Uhr