05.02.2012 · Ein einzigartiger, lauter und höchst profitabler Zirkus, der den Spielern alles abverlangt: Die Phoenix Open sprengen die Golf-Maßstäbe und nehmen auf Etikette keine Rücksicht.
Von Wolfgang SchefflerJock Holliman lässt sich nicht entmutigen. Der Mann reckt auch in diesem Jahr von Donnerstag bis Sonntag bei der Phoenix Open wacker am 16. Loch sein Schild „Quiet please" nach oben. Der Mann bittet um Ruhe, wenn die Spieler abschlagen oder putten - obwohl er um die Sinnlosigkeit seiner Bemühungen weiß. Niemand lässt sich durch den Offiziellen stören. Es wird weiter geplaudert, telefoniert, gegessen oder getrunken. „Ich halte es einfach automatisch hoch. Hier für Ruhe zu sorgen, ist wie der Versuch, eine Lokomotive mit einer Kleenex-Schachtel zu stoppen", sagt der im Golfjargon „Marshall" genannte Freiwillige angesichts des ständig vorhandenen Lärmpegels, der dem eines deutschen Großstadt-Hauptbahnhofs entspricht.
Was sich an diesem Loch, einem von Tribünen und Firmenlogen, den Skyboxes, komplett eingerahmten 162 Yards (148 Meter) langen Par-3-Loch abspielt, widerspricht allen Benimmregeln des Golfs, der sogenannten Etikette, ein Begriff, den der Fremdwörter-Duden „als zur bloßen Förmlichkeit erstarrte offizielle Umgangsform" definiert.
Den 20.000 Zuschauern, die sich an jedem der vier Turniertage in der Wüste von Arizona in dem um dieses Loch errichteten Amphitheater drängen, gute Umgangsformen, gesittetes Benehmen oder gar die im Golf immer noch nachgesagte steife Vornehmheit abzuverlangen, würde nur bei einer feucht-fröhlichen Sause stören, die die Veranstalter ganz unbescheiden mit dem Untertitel „The greatest Show on Grass" versehen.
„Das Turnier und das 16. Loch sind für die Fans da, und sollen es auch bleiben", sagt Turnierpräsident Alex Clark. „Wir versuchen zwar, Beleidigungen und Obszönitäten zu verhindern. Natürlich gelingt das nicht immer. Aber das 16. Loch ist eben einzigartig, so einzigartig wie das Turnier."
Man kann nicht widersprechen. Den Titel am besten besuchtes Golfturnier der Welt macht der Phoenix Open niemand streitig. Jedes Jahr kommen an den vier Turniertagen rund eine halbe Million Fans, der Rekord aus dem Jahr 2008 liegt bei 538.356 Besuchern, den Tagesrekord von erreichen die meisten Golfturniere nicht einmal in der ganzen Woche.
Die Phoenix Open werden seit 1932 ausgetragen, zwei Jahre länger als das Masters in Augusta, das 1934 erstmals die Meister des Spiels in die ehemalige Baumschule einlud. Aber während die Gentlemen in den grellgrünen Klub-Blazern die Tradition des Golfs im Südstaat Georgia mit eiserner Beharrlichkeit pflegen, hat man im Wilden Westen der Vereinigten Staaten längst mit Konventionen gebrochen.
Ein Müllentsorgungsunternehmen fungiert seit 2010 als Titelsponsor. Unter dem sperrigen Namen „Waste Management Phoenix Open" wird zwar ein mit 6,1 Millionen Dollar dotiertes Turnier der amerikanischen PGA Tour ausgetragen. Aber in Wirklichkeit sind die vier Tage auf dem Stadium Course des Tournament Players Club of Scottsdale eine gigantische Party, eine Volksbelustigung aus Anlass eines Golfturniers - und nirgends auf dem weitläufigen Gelände wird dies deutlicher als auf dem 16. Loch, dem einzigen in der Welt, das zu einem eigenen Stadion umfunktioniert wurde.
Die Spieler betreten die Arena durch einen knapp 20 Meter langen Tunnel unter einer der Tribünen. Sie fühlen sich, wie es der Amerikaner Bo van Pelt ausdrückt, „wie Gladiatoren, die ins Kolosseum geführt werden". Der Vergleich ist nicht weit hergeholt. Denn wie im alten Rom zeigen die Fans deutlich, wem ihre Sympathie gehört. Spieler aus Arizona oder Profis, die in der Gegend leben oder während ihrer College-Zeit für das Team der Arizona State University spielten, allen voran der absolute Publikumsliebling Phil Mickelson, werden frenetisch bejubelt.
Die Fahrensleute der Tour müssen damit leben, dass ihnen einfach Gleichgültigkeit entgegenschlägt. Aber sobald ein Ball den Schläger verlässt, geht das Gejohle los. Gute Schläge werden gefeiert, aber wessen Ball mehr als sieben, acht Meter vom Loch landet oder wer gar das Grün verfehlt, wird gnadenlos ausgebuht. "Ich verstehe das", sagt der Amerikaner Chris DiMarco, der das Turnier 2002 gewann, „für Tourspieler ist es ein einfaches Loch. Man hat ja höchstens ein Eisen 8 in der Hand." Die Statistik bestätigt diese Einschätzung. Im Vorjahr gab es 49 Birdies und ein "Hole-in-one" oder Ass durch den Australier Jarrod Lyle an diesem - sieht man einmal von den Tribünen ab - nicht einmal sonderlich spektakulären Loch.
Bryce Molder, der im vergangenen Jahr nach einem Fehlschlag ansehen musste, wie seine Frau lauthals in den Chor der Buhrufer einstimmte, hat ebenfalls für die Unmutsäußerung Verständnis: „Es ist doch nicht böse gemeint. Für die Fans ist das alles doch nur ein Spaß." Dass dies nicht immer der Fall ist, auch dafür gibt es genug Beispiele, obwohl Schilder rund um das Loch darauf hinweisen, dass vulgäre Rufe und Gesten angeblich zum sofortigen Platzverweis führen.
Nicht einmal Spieler halten sich daran. Vor zwölf Jahren zeigte der Texaner Justin Leonard den sogenannten „Boo-Birds" den „Stinkefinger". Manchmal artet sogar selbst der Jubel aus. Als Tiger Woods 1997 ein Ass gelang, er also den Ball direkt ins Loch beförderte, flogen Bierbecher aufs Grün. 1999 musste ein Trunkenbold von Polizisten niedergerungen werden. In seinem Rucksack fanden die Gesetzeshüter eine geladene Pistole. Seitdem ist das Mitbringen von Waffen zum Turnier verboten. Als Woods 2001 auf dem 16. Grün puttete, warf ein angetrunkener Störenfried eine Orange nach ihm. Tiger Woods hat sich seither nicht mehr blicken lassen - und damit gezeigt, was er von dem Spektakel rund um das 16. Loch hält.
Andere Veteranen sehen die Sache gelassen: „Wenn man kein dickes Fell hat, wird man dieses Loch nicht genießen. Aber jeder weiß, was einen erwartet. Wer das nicht aushalten kann, der soll hier nicht mitspielen", sagt der 44-jährige David Toms, der amerikanische PGA-Champion von 2001.
Den meisten Neulingen schlottern auf dem Weg zum Abschlag auf diesem berühmt-berüchtigten Loch die Knie. Hank Kuehne erinnert sich an sein erstes Mal: „Vorher war mir ein bisschen bange, aber dann hat mich diese Atmosphäre einfach angesteckt." Auch van Pelt hat seinen ersten Auftritt nicht vergessen: „Mir war ganz schön mulmig. Ich hatte nur eins im Sinne: Den Ball aufs Grün schlagen, zwei Putt und dann nichts wie weg, bevor ich zu arg verspottet werde." Besonders für junge Tourspieler wie Ricky Fowler, den am Schlusstag immer von Kopf bis Fuß in Orange gekleideten neuen Rockstar der PGA Tour, ist die Atmosphäre am 16. Loch die Zukunft des Golfs, in der das Spiel von seinem altbackenen Image befreit wird.
Aber längst nicht alle, die in den Skyboxes sitzen oder die öffentlichen Tribünen bevölkern, sind Sport- oder Golffans. Mindestens die Hälfte, so wird geschätzt, kommen einfach, „to have a good time", wie die Amerikaner sagen. Der Bierkonsum allein am 16. Loch, so wird kolportiert, würde ausreichen, um die drei Wasserhindernisse des Platzes mehrfach zu füllen. In den Firmenlogen tummeln sich etliche elegant gekleidete Damen mit Stiletto-Pumps, die ihre körperlichen Vorzüge gerne ins rechte Licht setzen. Sie schwofen wie die meisten Fans anschließend auf einem eigens auf dem Gelände in einem Zelt errichteten Nachtclub, dem „Birds Nest", bis in die frühen Morgenstunden weiter.
Gary McCord, ein ehemaliger Tourspieler, der jetzt als spitzzüngiger Kommentator für den übertragenden Sender CBS arbeitet, bezeichnet das 16. Loch deshalb als „Chaos mit Dekolleté". Genauso berechtigt wäre es, das 16. Loch als größtes Wettbüro des Landes zu titulieren. Viele Fans setzen untereinander darauf, wer den Ball am nächsten zum Loch schlägt. Wer dabei verliert, kann sein Glück beim „Caddie Race" versuchen. Beim Rennen der Taschenträger geht es darum, welcher der drei mit jeweils einem weißen, einem gelben und einem grünen Leibchen ausgestatteten Caddies als Erster das Grün betritt. Die tragenden Angestellten machen das Spiel munter mit, manche sprinten, andere necken die Fans, indem sie für gefühlte Ewigkeiten einen Fuß über dem Grün schweben lassen.
Auch der Veranstalter hat den Reiz dieses Rennens erkannt. Durch die offizielle Smartphone-App - Mobiltelefone sind in diesem Jahr zum ersten Mal offiziell auf dem Platz erlaubt - kann man virtuell beim „Caddie Race" mitspielen und lukrative Preise gewinnen.
Die Wettleidenschaft der Zuschauer hat einen Spielverderber wie Freddie Couples vor ein paar Jahren zu dem Scherz veranlasst, alle drei Caddies seiner Gruppe vom Betreten des Grüns abzuhalten. Er wurde erst ausgepfiffen, aber am Ende verstanden es die Fans: Da hatte mal einer den Spieß umgedreht und sich einen Spaß auf ihre Kosten erlaubt. Couples, ohnehin eine der Zugnummern, wurde am Ende mit freundlichem Beifall verabschiedet.
Sosehr der Trubel rund um das 16. Loch dieses Turnier auch definieren mag, für den Großraum Phoenix und Scottsdale ist es viel mehr als eine reine Spaßveranstaltung. Jedes Jahr erlöst der Veranstalter, die Thunderbirds, ein philanthropischer Herrenverein, für wohltätige Organisationen acht Millionen Dollar.
Die vielen Zuschauer, die aus den gesamten Vereinigten Staaten zum Turnier kommen, lassen alljährlich rund 50 Millionen Dollar in der Region und spielen nebenbei auf einem der mehr als 200 Golfplätze der Gegend - und wer weiß, vielleicht folgen die Veranstalter eines Tages doch noch dem Vorschlag des Schandmauls McCord, den die Masters-Offiziellen wegen allzu kecker Bemerkungen von ihrem Turnier ausgeschlossen haben: „Ich habe vorschlagen, dass sie über dem 16. Loch ein Zelt errichten und zwischen den Spielergruppen der Cirque de Soleil auftritt." Damit auch jeder weiß, was geboten wird: ein einzigartiger Golfzirkus.