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Glosse Feuilleton Frackzwang

23.05.2007 ·  Jeder weiß, was so ein Pinguin für ein Vogel sei. In den Meeren hin und her schwimmt und fischt und schnabelt er. Ralph Giordano, immer munter, treibt es derweil immer bunter. In der Rede von dem Tier findet er sein schlimm' Pläsier: fort mit Burkas, in die Ecke; eine Frau sich nicht bedecke.

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Jeder weiß, was so ein Pinguin für ein Vogel sei. In den Meeren hin und her schwimmt und fischt und schnabelt er. Ralph Giordano, immer munter, treibt es derweil immer bunter. In der Rede von dem Tier findet er sein schlimm' Pläsier: fort mit Burkas, in die Ecke; eine Frau sich nicht bedecke. Bald zu Köln wird aufbereitet, worüber man sich jetzt noch streitet. In dem spitzen Minarette sieht er, jede Wette, nur das Zeichen einer Qual, die der Frau das Tuch befahl - und die Burka!, schimpft er weiter und bleibt dann nicht mehr heiter. Denn die Frau, die so sich kleidet, macht, dass er darunter leidet. Da kommt grad eine, ganz verhüllt, dass ihm schon die Galle quillt ... An dieser Stelle brechen wir unseren Beitrag zum ohnehin nicht ganz runden Wilhelm-Busch-Jahr ab (das runde ist erst nächstes Jahr), um zum nachrichtlichen Kern unserer Mitteilung zu kommen: Es ist in der Tat so, dass Ralph Giordano sich über burka- und kopftuchtragende Frauen geäußert hat. Als er unlängst zu einer Diskussion über den Bau einer Kölner Moschee, die er verhindern will, erschien, streute er ein Argument ein, das eine Erwiderung verdient. Giordano sagte: "Auf dem Wege hierher musste ich einen Anblick ertragen, der meine Ästhetik beschädigt hat - eine von oben bis unten verhüllte Frau, ein menschlicher Pinguin." Abgesehen von dem Tiervergleich, der sofort sauber gekontert wurde ("Ich bitte Sie um die Wahrung der Menschenwürde"), stellen sich folgende Fragen: Kann eine Ästhetik überhaupt beschädigt werden? (Doch höchstens die von Kant, nämlich durch Nietzsche.) Und beschädigt Giordano nicht vielmehr sein eigenes Anliegen und auch Ansehen und arbeitet mittelbar sogar noch der Menschenwürde, zumindest der weiblichen, in die Hände? Einen Vergleich mit dem bestangezogenen Tier (erst danach kommen Nerz und Leopard) wird jedenfalls auch die muslimische Frau nicht als Beleidigung verstehen müssen. Der Pinguin rührte als Held eines oscarprämierten Dokumentarfilms vom vergangenen Jahr die allgemeinen Herzen fast noch stärker als im Moment Baby Knut und ist mit seinem aufrechten Gang uns Menschen so nahe wie sonst nur der Piepvogel in gewissen Köpfen. Schließlich: Wer denkt eigentlich an unsere Ästhetik, die angesichts der affigen Schals, die Giordano sich immer um die Schultern hängt, auch nicht gerade glänzend dasteht? Zurück aber zu Wilhelm Busch: Onkel Ralph, in dieser Not, haut und trampelt alles tot (ergänze: alle vernünftigen Argumente). Guckste wohl, jetzt scheint's vorbei mit der Kopftuchtragerei. Onkel Ralph hat seine Ruh und macht seine Augen zu. Wenn er sich da mal nicht geschnitten hat. edo.

Quelle: F.A.Z., 24.05.2007, Nr. 119 / Seite 33
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