18.10.2005 · Bedingt durch den zunehmenden Stress am Arbeitsplatz nehmen auch psychische Erkrankungen zu. Besonders Erfolgsorientierte haben ein erhöhtes Risiko, denn sie setzen sich selbst unter massiven Druck.
Von Doris BrennerBeim Betreten des Beratungszimmers fällt sofort die Couch ins Auge, die dominant neben Schreibtisch und Sesseln die Optik des Raumes bestimmt. Typisch Psycho, so könnte man meinen.
Doch schon nach den ersten Sätzen wird deutlich, daß man Hansjörg Becker nicht gerecht wird, wenn man ihn mit diesem Ettikett abstempelt. Der Mediziner mit Zusatzausbildung in Psychoanalyse hat sich aufgemacht, um in der Wirtschaft das Thema psychische Überbelastung und Depressionen aus der Tabuzone zu holen.
Probleme und Ängste offen ansprechen
„Es ist ein herausfordernder Prozeß, in den Unternehmen das Bewußtsein zu entwickeln, daß gerade auch Leistungsträger im Hinblick auf psychische Erkrankungen besonders gefährdet sind und Hilfe benötigen“, sagt Becker, der mit seinem Beratungsunternehmen „Insite-interventions“ seit mehr als acht Jahren Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistet.
Becker spricht die Sprache der Manager, die er in schwierigen Lebensphasen unterstützt. Das ist nach seiner Aussage eine wichtige Voraussetzung für seine Akzeptanz, besonders in einer Branche, die sich schwer damit tut, Probleme und Ängste offen anzusprechen.
Seine Erfahrung als Unternehmensberater und als Executive Coach an der INSEAD Business School in Fontainebleau haben ihn gelehrt, in welchem Spannungsfeld sich Führungskräfte bewegen und welche Themen sie belasten.
Leistungsorientierte sind am häufigsten betroffen
Besonders die Leistungsorientierten und die Erfolgsverwöhnten, diejenigen, die alles unter Kontrolle haben wollen, sind erhöhten Risiken ausgesetzt. Sie stellen an sich hohe Erwartungen, wirken nach außen meist souverän und setzen sich häufig selbst unter massiven Druck.
Oft stellen sich Krisen gerade dann ein, wenn ein vermeintlich erfolgreicher Karriereschritt getan wurde. „Viele fühlen sich den neuen Aufgaben nicht gewachsen und haben Angst, die Umwelt könnte diese Überforderung merken“, sagt Becker.
Wie in einem Hamsterrad
Aber auch Druck von außen, mit immer höheren Anforderungen und zunehmender Unsicherheit, führt dazu, daß Menschen unter Dauerstress geraten. Sie laufen wie in einem Hamsterrad, und es gelingt ihnen nicht mehr, eigenständig aus dieser Falle zu entkommen.
Die typischen Symptome dieser chronischen Dauerbelastung bilden eine Mischung aus psychischen und psychosomatischen Beschwerden: Nervosität, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Magenprobleme und Herz-Kreislauf-Störungen.
Diese treten oft gepaart mit Selbstzweifeln und Erschöpfungszuständen auf, sagt Brigitte Scheidt, die in Berlin als Psychologische Psychotherapeutin Menschen in diesen kritischen Phasen unterstützt. „Bei vielen sind die Batterien einfach leer, und es geht nichts mehr.“
Psychische Erkrankungen vierthäufigste Krankheitsart
Daß es sich bei diesen Erscheinungen nicht um Einzelfälle handelt, belegt der Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Psychische Erkrankungen machten 2004 schon 9,8 Prozent des Gesamtkrankenstandes aus und standen damit an vierter Stelle der häufigsten Krankheitsarten.
Bei den Ursachen für diese Entwicklung werden immer wieder die gleichen Faktoren genannt: Veränderungen in unserer Gesellschaft. Familiäre Strukturen sind wesentlich lockerer, der einzelne wird mit seinen Problemen nicht mehr in der Gemeinschaft aufgefangen.
„Wir stellen vermehrt eine Individualisierung fest. Diese vollzieht sich aber nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in den Unternehmen“, sagt Brigitte Scheidt. So werden feste Abteilungsgefüge durch lockere, zeitlich befristete Projektstrukturen ersetzt.
Fehlender Halt
Ein Arbeitsverhältnis, selbst bei renommierten Unternehmen, stellt heute keine dauerhafte Arbeitsplatzsicherheit mehr dar.
Eine Entwicklung, die auch Richard Sennet in seinem Buch „Der flexible Mensch“ beschreibt. Becker und Scheidt stimmen darin überein, daß die Mehrzahl der Berufstätigen den fehlenden Halt und die mangelnde Beständigkeit in der Arbeitsgesellschaft als Bedrohung wahrnimmt.
„Diese durch internationalen Wettbewerbsdruck und Globalisierung geförderte Entwicklung läßt sich nicht einfach zurückdrehen. Es ist deshalb an der Zeit, daß Unternehmen nicht ihre Augen vor den Auswirkungen auf die Mitarbeiter verschließen, sondern offen damit umgehen“, fordert Becker.
Dunkelziffer der psychischen Krankheiten liegt höher
Warum Unternehmen nicht nur im Interesse ihrer Mitarbeiter, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen ihre Verantwortung auf diesem Gebiet ernst nehmen sollten, zeigt die Statistik anschaulich: 2004 betrug die Zunahme der durch psychische Erkrankungen verursachten Fehltage gegenüber 1997 mehr als 50 Prozent - Tendenz weiter steigend.
Das sind nur die offiziell diagnostizierten Fälle. Die Dunkelziffer, die über andere Diagnosen bei den Krankmeldungen abgedeckt wird, schätzen Fachleute als hoch ein. Was können Unternehmen tun, um hier Unterstützung zu leisten?
Nach Ansicht von Becker muß zunächst das Thema aus seiner Tabuzone geholt werden. Zudem müsse den Mitarbeitern ein einfacher und effizienter Zugang zu professioneller Hilfe ermöglicht werden.
Bewältigung von Problemsituationen
Mit dem Employee Assistance Program (EAP) stellt Becker den Unternehmen ein Paketangebot zur Verfügung, in dessen Mittelpunkt ein 24-Stunden-Beratungsservice für die Mitarbeiter steht. Diese können im Bedarfsfall, ohne daß ihr Arbeitgeber davon erfährt, telefonische oder persönliche Beratungsgespräche in Anspruch nehmen.
Strenge Vertraulichkeit ist eiserne Maxime. Einige Problemstellungen lassen sich bereits in diesen Gesprächen lösen. Wenn weiterer Beratungs- oder Therapiebedarf besteht, vermittelt der EAP-Berater Adressen von Experten in der Nähe.
„Wir verstehen uns als kompetente Anlaufstation und Katalysator für die Bewältigung von Problemsituationen“, beschreibt Becker sein Progamm.
Psychosoziale Ausnahmesituationen
Daß seitens der Unternehmen dieses Angebot auch zunehmend nachgefragt wird, belegen seine Zuwachszahlen. Die Degussa etwa bietet diesen Service speziell für ihre im Ausland eingesetzten Mitarbeiter an.
„Die langjährige Betreuung von sogenannten Expatriates zeigte, daß internationale Entsendungen zu außergewöhnlichen Stressbelastungen und psychosozialen Ausnahmesituationen führen können.
In solchen Momenten kann es wichtig sein, unverzüglich kompetente Beratung und Hilfe in der eigenen Muttersprache zu erhalten, die die besondere persönliche und familiäre Situation bei internationalen Entsendungen berücksichtigt“, begründet Sibylle Haas-Brähler, Werkärztin bei der Degussa, dieses Angebot.
Fluglotsen besonders stressbelastet
In das Programm werden auch die Familienangehörigen mit einbezogen, da auch diese besonderen Belastungen ausgesetzt sind.
Fehlen im Ausland die bisherigen heimischen Kompensationsmechanismen wie Besuche von Eltern und Freunden oder Kontakte in Vereinen, so könne dies zu einer schleichenden und auch schwerwiegenden akuten psychischen Erkrankung führen, die bis zum Abbruch des Auslandsaufenthaltes führen kann - eine für das Unternehmen sehr kostenträchtige Situation, wie Haas-Brähler sagt.
Eine Personengruppe, deren Job als besonders stressbeladen gilt, ist die der Fluglotsen. Deshalb wird schon im Rahmen des Auswahlprozesses eine hohe Stresstoleranz als wichtiges Kriterium herangezogen.
Gewitter und Notlandungen
Wenn aber Ausnahmesituationen wie Gewitter, Staffelungsunterschreitungen oder Notlandungen auftreten, bedarf es einer gezielten Betreuung, um keine dauerhaften psychischen Folgeschäden aufkommen zu lassen.
Der Familientherapeut und Referent im Bereich Sicherheitsmanagement der Deutschen Flugsicherung (DFS), Jörg Leonhardt, hat 1998 das aus den Vereinigten Staaten stammende „Critical Incident Stress Management Program“ in der DFS etabliert.
Gespräche mit speziell geschulten Kollegen unmittelbar nach dem kritischen Ereignis sollen dem Betroffenen helfen, die Vorgänge zu verarbeiten. „Da es sich bei den Gesprächspartnern ebenfalls um Fluglotsen handelt, ist die Akzeptanz besonders hoch“, berichtet Leonhardt.
Posttraumatische Erkrankungen
Nicht ganz ohne Stolz ergänzt er, daß es seit Einführung dieses Programms keine Fälle mehr gab, in denen Fluglotsen aufgrund von posttraumatischen Erkrankungen berufsunfähig geworden wären. Leonhardt hat das Programm auch im europäischen Ausland eingeführt.
Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Flughafen Frankfurt und anderen Berufsgruppen, die ebenfalls besonderen Stress-Situationen ausgesetzt sind.
Mit zunehmender Zahl an psychischen Belastungen werden aber auch Führungskräfte vor neue Herausforderungen gestellt. „Soll ich meinen Mitarbeiter darauf ansprechen, und wenn ja, wie mache ich das am besten?“ lautet eine Frage, die Hansjörg Becker oft gestellt bekommt.
Ursachen erkennen
Ob Alkoholprobleme, private Krisen oder Überforderung im Job - die wenigsten Vorgesetzten haben gelernt, damit umzugehen und dem Mitarbeiter die richtigen Signale zu senden. Dieser benötigt konkrete Hilfe, um zu erkennen und sich einzugestehen, daß der Stress ungesunde Ausmaße angenommen hat.
Weitere Schritte bestehen schließlich darin, eine Diagnose zu erstellen und die Ursachen zu erkennen. Die Erfolgschancen von zielgerichteten Maßnahmen und Therapien seien ausgesprochen hoch, sagen Fachleute.
Das Thema Angst und Depressionen wird wegen seiner zunehmenden Bedeutung nicht nur das Schwerpunktthema des DAK Gesundheitsberichtes 2005 bleiben. Daß psychische Erkrankungen weiter zunehmen werden, prognostiziert auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ihr zufolge werden sie im Jahr 2015 weltweit die zweithäufigste Ursache für Erkrankungen sein.