14.12.2004 · Nichtmuslime in der Türkei / Von Rainer Hermann
ISTANBUL, im Dezember. Schöne Gesten für die Kameras gibt es viele, konkrete Verbesserungen für die nichtmuslimischen Minderheiten der Türkei bleiben dagegen aus. Ministerpräsident Erdogan hat gemeinsam mit dem armenischen Patriarchen Mesrob II. an der Eröffnung des ersten armenischen Museums in Istanbul teilgenommen. Dann reiste er an den Badeort Belek, um - umringt von hohen Würdenträgern der drei monotheistischen Religionen - einen Garten mit einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee zu eröffnen. In anderem Licht erscheinen diese Gesten jedoch angesichts der vielen Kirchengebäude, die weiter auf eine Genehmigung warten, um renoviert werden zu können. Hinzu kommen Spannungen, die zwischen den Minderheiten und dem türkischen Staat wieder zunehmen.
So hat sich der Konflikt mit der Griechischen Orthodoxen Kirche zugespitzt. Ursache war eine Einladung, die der amerikanische Botschafter in Ankara wegen des Besuchs einer griechisch-orthodoxen Delegation aus New Jersey versandt hatte. Zum Empfang kündigte er auch den "Ökumenischen Patriarchen" an, und das gefiel den Türken nicht. Das Amt des Ministerpräsidenten verschickte umgehend einen Eilerlaß an alle Staatsbediensteten und untersagte ihnen, am Empfang teilzunehmen. Auch wenn alle christlichen Kirchen den Ökumenischen Patriarchen als Oberhaupt der orthodoxen Christenheit anerkennen, die Türkei tut es nicht.
Die Hüter des kemalistischen Erbes begründen diese Haltung damit, daß der Friedensvertrag von Lausanne 1923 alle religiösen Führungsämter, wie das Kalifat und den Scheichülislam, aufgelöst habe. Somit gebe es auch kein Ökumenisches Patriarchat mehr, und der Patriarch sei nur noch das Oberhaupt der in Istanbul lebenden griechisch-orthodoxen Christen. Die Medien schürten die Diskussion. Einige Zeitungen erschienen mit Überschriften wie: "Einen zweiten Vatikan wird es nicht geben". Gehässig unterstellt der Chefkolumnist der Zeitung "Hürriyet": "Patriarch Bartholomaios will den Titel nur, um nicht länger dem türkischen Recht zu unterstehen." Der Chefredakteur der Zeitung, Ertugrul Özkök, erinnerte jedoch daran, daß sich vor zehn Jahren die damalige Ministerpräsidentin Ciller nicht gescheut habe, bei der Olympiabewerbung Istanbuls ein Schreiben von Bartholomaios zu überreichen. Das hatte er als Ökumenischer Patriarch unterzeichnet.
Bartholomaios weist die Unterstellung entschieden zurück, er strebe einen "zweiten Vatikan" an. Das widerspräche völlig dem Geiste der orthodoxen Kirche, sagte er. "Ökumenisch" sei ein historischer, kein politischer Titel. Er ist dem Patriarchen von Konstantinopel 451 auf dem Vierten Konzil von Chalcedon verliehen worden. Der liberale türkische Sozialwissenschaftler Baskin Oran hält den Vergleich mit einem "zweiten Vatikan" für lächerlich, und er empfiehlt seiner Regierung, ein starkes Patriarchat als Trumpf für die türkische Außenpolitik zu sehen. Zumindest Außenminister Gül läßt Einsicht erkennen. Das Wort "ökumenisch" sei für ihn kein Tabu, sagte er. Dann erinnerte er daran, daß der Begriff im türkischen Sprachgebrauch auch eine politische Bedeutung habe, was die Diskussion eben belaste. Noch hat die türkische Regierung bei der Nuntiatur in Ankara aber keinen Protest eingelegt, weil der Papst jedes Jahr seinen Segen "Urbi et orbi" erteilt und damit ja die Souveränität der Türkei bedrohen könnte.
Der Ökumenische Patriarch beklagt, daß in den vergangenen Jahren keines der drängenden Probleme seiner Kirche gelöst worden sei. Weiter wird er nicht als ökumenischer Patriarch anerkannt, das einzige Priesterseminar ist seit 1971 geschlossen, die Kirche darf keinen Immobilienbesitz haben, und eine Garantie für den Besitz der griechischen Stiftungen gibt es nicht. Zuletzt hat die "Generaldirektion für Stiftungen" im Oktober das historische Waisenhaus der Istanbuler Griechen auf der Insel Büyükada (Principo) enteignet. 1964 hatte es der türkische Staat ohne Begründung räumen lassen, 1997 erklärte er den Stiftungsrat für aufgelöst, da es ja keine Waisenkinder mehr in dem Haus gebe. Dann riß der Staat die lukrative Immobilie mit der Begründung an sich, daß es keinen Stiftungsrat mehr gebe. Bartholomaios hat angekündigt, die Angelegenheit vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof zu bringen.
Nicht alle türkischen Christen sehen pessimistisch in die Zukunft. Arlin Polat und Sayat Delice, zwei junge armenische Christen, sind zu der Feier im armenischen Krankenhaus Surp Pirgic gekommen, wo ihr Patriarch und der türkische Ministerpräsident im Istanbuler Stadtteil Yedikule ein kleines Museum eröffnen. Im vergangenen Jahr hatten sie noch in London studiert. Nun sehen sie für sich als armenische Christen in der Türkei wieder eine Chance. Daß mit Erdogan erstmals ein ranghoher Vertreter der Republik Türkei eine armenische Institution besucht, wollen sie nicht einfach nur als "Schau" abtun.
Er sei gekommen, um den Armeniern zu danken, rief der Ministerpräsident auf dem Innenhof des 1832 gebauten Krankenhauses der armenischen Gemeinde zu. Dann redete er davon, daß früher jedes anatolische Haus seinen armenischen Handwerker gehabt habe, daß die Architekten und Händler der Armenier, ihre Küche und ihre Kunstfertigkeit ein Teil der gemeinsamen Kultur seien. An seine Landsleute gerichtet, wünschte er sich, die gemeinsame Vergangenheit mit den Armeniern gerecht zu sehen. Dann weihte er das kleine und erste Museum der Armenier in Istanbul ein. Es zeigt Porträts armenischer Honoratioren und eine Sammlung zur Geschichte der Medizin und des Krankenhauses, mit sakralen Objekten wie dem Saghavard, den der Patriarch während des Gottesdienstes auf dem Kopf trägt, und den Kishots, dessen Glöcklein das Kommen der Engel ankünden.
Das Verhältnis zwischen den Armeniern der Türkei und den Türken entkrampft sich. Der Bürgermeister des wichtigen Istanbuler Stadtteils Sisli hat einen Armenier, Vazgen Barin, zu seinem Stellvertreter ernannt, und in den Buchhandlungen liegt Franz Werfels "Die 40 Tage des Musa Dagh" auf türkisch aus. Auch treffen sich jetzt türkische und armenische Historiker, um über ihre gemeinsame Geschichte zu reden, zuletzt Ende Oktober in Venedig.
Boghos Zekiyan sieht in der Gruppe den Kern einer Arbeitsgruppe, die die Geschichte der beiden Völker aufarbeiten soll. Noch vor zehn oder fünfzehn Jahren seien solche Treffen undenkbar gewesen, sagt der in Istanbul geborene Zekiyan, der heute in Venedig armenische Sprache und Literatur lehrt. Keine Meinungsverschiedenheiten habe es in der Bewertung des Genozids an den Armeniern gegeben, sagt er. Diese Einsicht wächst in der türkischen Zivilgesellschaft. Der türkische Staat will aber noch immer die Deutungshoheit über die Geschichte behalten. So hatte das türkische Generalkonsulat in Mailand vergeblich von den Veranstaltern verlangt, die Diskussionspapiere der türkischen Referenten vorab zugesandt zu bekommen.