04.10.2011 · Der Kapitalabzug der Investoren aus den Schwellenländern weitet die Krise aus. Die Märkte nehmen ihre Talfahrt wieder auf.
Von Bettina Schulz und Tim Höfinghoff, London/FrankfurtNach der technischen Zwischenerholung hat sich die Baisse an den globalen Aktienmärkten zu Wochenbeginn weiter fortgesetzt. Die schwere Schuldenkrise in der Europäischen Währungsunion und die sich in den westlichen Industrieländern abzeichnende Rezession über den Winter verschreckt immer mehr Anleger. Der Dax verlor am Dienstag bis zu 4,7 Prozent. Kurz vor Handelsschluss betrug das Minus noch 2,7 Prozent auf 5230 Punkte. Der M-Dax der mittelgroßen Werte gab sogar um bis zu 6,5 Prozent nach, der 100 Werte umfassende F.A.Z.-Index bis zu 4,8 Prozent. Die Sorge um eine etwaige Zahlungsunfähigkeit Griechenlands ließen den Wechselkurs des Euro am Dienstag auf 1,3150 Dollar fallen.
Wer immer als Investor gehofft hatte, dass sich Anlagen an den Märkten der Bric-Länder und anderer aufstrebender Märkte als immun vor der Euro-Krise und westlichen Rezessionsängsten erweisen würden, sieht sich jedoch getäuscht. "Der Rekordabfluss vergangene Woche von 3,2 Milliarden Dollar aus Investmentfonds, die in Schwellenländer investieren, zeigt, wie gewaltig die finanzielle Ansteckungsgefahr der Krise selbst für Länder ist, die weit vom Herzen der Turbulenzen entfernt sind", warnen die Analysten von JP Morgan. Trotz hoher Inlandsnachfrage und solider Haushaltspolitik befänden sich die Schwellenländer mitten in einem Kreditboom, an dem ausländisches Kapital immer noch einen maßgeblichen Anteil habe. Durch diese Verflechtung könne eine abrupte Krise an den westlichen Finanzmärkten zu niedrigerem Wachstum in den Schwellenländern führen, warnt die amerikanische Investmentbank.
Chinesische Aktien notieren gemessen am Hang Seng Index derzeit um 30 Prozent unter ihrem Höhepunkt von Anfang des Jahres. Die Aktienmärkte in Russland und Brasilien sind um 25 Prozent und der Markt in Indien um 16 Prozent gefallen. Da mehrere Notenbanken in den Schwellenländern angesichts der Wachstumssorgen mit Zinssenkungen reagiert haben, führt der Rückzug westlichen Anlagekapitals zu einer deutlichen Wechselkursschwäche, so in Ländern wie Brasilien und Korea.
Rohstoff-Indizes, wie der GSCI Index, die Symbol für den Nachfragehunger und die Prosperität in den Schwellenländern sind, notieren so niedrig wie seit zehn Monaten nicht mehr. Anleger haben allein in der Woche bis zum 28. September rund 1 Milliarde Dollar aus Rohstoff-Fonds abgezogen, berichtet das Analyseunternehmen EPFR Global. Die Ölpreise liegen so niedrig wie seit acht Wochen nicht mehr. Die Bank Goldman Sachs senkte zudem am Dienstag ihre Ölpreisprognose: Die Analysten erwarten, dass der Brent-Ölpreis im Jahr 2012 im Schnitt bei 120 Dollar je Barrel (159 Liter) liegt und damit zehn Dollar niedriger als bisher prognostiziert. Am Dienstag kostete das Barrel Brent-Öl rund 100 Dollar. Mit Blick auf Kupfer und Gold gaben die Preise allein im September so stark nach wie seit dem Zusammenbruch der amerikanischen Bank Lehman Brothers im Herbst 2008 nicht mehr. Deutliche Preiseinbußen verbuchten zuletzt auch die Agrarrohstoffe.
Der Kapitalabfluss aus den Schwellenländern zurück an die westlichen Heimatmärkte hat jedoch Konsequenzen: Noch immer sind die Kapitalmärkte - selbst in den großen Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indien und China (Bric) - nicht ausreichend entwickelt. Mit Ausnahme von Indien haben selbst die Bric-Staaten keine liquiden lokalen Aktienmärkte, an denen sich Unternehmen ausreichend finanzieren könnten. Nach einer Analyse von Goldman Sachs ist vor allem die Schwäche der inländischen Anleihemärkte erstaunlich. Während die Marktkapitalisierung der Anleihemärkte, an denen sich Unternehmen Fremdkapital beschaffen können, im Westen mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht, liegt dieser Wert bei den Schwellenländern bei weniger als 25 Prozent, im Falle von Indien und Russland nicht einmal bei 10 Prozent.
Gerade weil die Schwellenländer jetzt wieder erleben müssen, dass westliches Kapital in wenigen Wochen in Milliardenbeträgen abgezogen werden kann, klammern sich die Bric-Staaten an ihre Währungsreserven. Dies hat Konsequenzen selbst für eine potentielle Krisenlösung in der Währungsunion. Wer sich erhofft hatte, dass Schwellenländer wie China mit ihren gewaltigen Devisenreserven als Retter beispringen könnten, um eine globale Eskalation der Krise zu verhindern, sollten vorsichtig sein, warnen die Analysten von Nomura.
Die Politiker in den Schwellenländern - vor allem in China - würden darauf bestehen, dass Europa erst eine nachhaltige Haushaltspolitik demonstriere, bevor sie in größerem Stil helfen würden, warnt die japanische Investmentbank. Der derzeitige Kapitalabfluss habe den Schwellenländern vorgeführt, wie wichtig ihre Devisenreserven seien. Darüber hinaus seien die Bric-Staaten kein Verbund gemeinschaftlicher Interessen, die gegebenenfalls eine Hilfspolitik aus einheitlichem Guss präsentierten. Auch würde es den Regierungen der Schwellenländer schwer fallen der Bevölkerung zu erklären, warum diese mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen mit ihren Devisenreserven griechische Anleihen oder EFSF-Anleihen kaufen sollten, um damit dem reichen Westen zu helfen.