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Zwei Romane von Mo Yan Streitgespräch in der Hölle

Sein Name heißt übersetzt „Spricht nicht“, doch der chinesische Autor Mo Yan hat viel zu sagen: Zwei große Romane von ihm liegen nun auf Deutsch vor.

© Verlag Vergrößern

Er wird mit Kafka und Faulkner verglichen, manche sehen ihn gar als Nobelpreiskandidaten - der chinesische Autor Mo Yan genießt Ansehen im Literaturbetrieb. In Wirklichkeit heißt er Guan Moye, doch spätestens seit Zhang Yimous preisgekrönter Verfilmung seines Romans „Das Rote Kornfeld“, die 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären erhielt, ist Mo Yan auch im Westen bekannt. Übersetzt bedeutet seine Name „keine Sprache“ oder „spricht nicht“. Doch der „Sprachlose“ hat im Gegenteil viel zu sagen. Gerade wurden zwei seiner Romane ins Deutsche übersetzt: „Der Überdruss“ und „Die Sandelholzstrafe“.

„Der Überdruss“ beginnt in der Hölle mit einem Streitgespräch zwischen dem Fürsten der Unterwelt Yama und dem verstorbenen Großgrundbesitzer Ximen Nao. Nao, was so viel wie „laut“ bedeutet, macht seinem Namen alle Ehre und beschwert sich unablässig darüber, zu Unrecht als „Klassenfeind“ von aufgebrachten Kleinbauern ermordet worden zu sein. Yama ist der Wehklagen überdrüssig und schickt Nao zurück zu den Lebenden, spielt dabei aber Nao einen Streich: Nicht als Mensch wird der Großgrundbesitzer wiedergeboren, sondern nacheinander als Esel, Ochse, Schwein, Schäferhund und Affe. Immer wieder wird der Verstorbene zurück in sein Heimatdorf Gaomi geschickt, um als Tier seinem ehemaligen Diener zu dienen.

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Mo Yan präsentiert mit Hilfe der vielen Wiedergeburten die dramatischen Entwicklungen Chinas während der vergangenen fünfzig Jahre. Es sind die Jahre der chinesischen Massenkampagnen: Die fünfziger Jahre sind bestimmt von der großen Landreform. Großgrundbesitzer wie Ximen Nao werden enteignet und ihr Land in Kollektiven den Bauern zugänglich gemacht. Im Jahr 1958 initiiert Mao Tse-tung dann die Kampagne „Der Große Sprung nach vorn“, um China in den Rang einer wirtschaftlichen Großmacht zu erheben. Die Folge ist eine Hungersnot, die schätzungsweise bis zu sechzig Millionen Chinesen das Leben kostet - auch den mittlerweile als Ochsen wiedergeborenen Ximen Nao.

In wechselnder Gestalt durchlebt Nao die Kulturrevolution der Jahre 1966 bis 1976 und die Reform-Ära unter Deng Xiaoping von 1978 bis hin zu den aktuellen Entwicklungen Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Mo Yan kennt das enge Zusammenleben der Landbevölkerung mit den Tieren aus eigener Erfahrung.

Von erdrückendem Umfang

Der 1955 geborene Autor wuchs in einer Bauernfamilie in der chinesischen Provinz Shandong auf und hat in seiner Jugend selbst Esel, Ochsen und Schweine gehütet. Seine bevorzugte literarische Form ist der magische Realismus, der oft im Zusammenhang mit der modernen lateinamerikanischen Literatur genannt wird. Yans Schilderungen durchbrechen die realistische Darstellung: Da haben Menschen Sex in einer Baumkrone, der als Schwein wiedergeborene Großgrundbesitzer turnt mühelos durch die Dorflandschaft, und die Hunde feiern einmal im Monat eine wilde Party auf dem Marktplatz der Stadt.

„Der Überdruss“ ist ein Mammutwerk gleich in mehrfacher Hinsicht: Schon der pure Umfang des Werks wirkt erdrückend. Auf 812 Seiten beleuchtet die deutsche Übersetzung das halbe Jahrhundert chinesischer Geschichte; die Handlung wird zum Parforceritt durch stürmische Zeiten. Vor allem gegen Ende scheint es, als habe der Autor den Umfang selbst unterschätzt.

Ohne offene Kritik an der politischen Führung

Die Schilderungen werden kürzer, die jüngeren Entwicklungen oberflächlicher behandelt, und die Erzählstruktur wirkt gedrängt. In seinem Nachwort schreibt Mo Yan, er habe den Roman innerhalb von nur 43 Tagen geschrieben; das bedeutet, dass er innerhalb dieser Zeit insgesamt 490.000 chinesische Schriftzeichen mit dem Pinsel gemalt hat. Auch thematisch macht es der Autor seinen Lesern nicht einfach.

Er benennt die Missstände, die Chinas rasante Entwicklung hervorgebracht hat. Allein deshalb sind Mo Yans Romane für chinesische Verhältnisse politisch unkorrekt. Dennoch wirkt die Kritik subtil. Sie beschränkt sich auf individuelle Schicksale. Sie ins große Ganze einzuordnen bleibt dem Leser überlassen. Wer daher auf direkte, offen vorgetragene Kritik an der Staatsführung hofft, wartet vergeblich. „Der Überdruss“ hätte sonst auch keine Chance gehabt, in China veröffentlicht zu werden.

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