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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wissensgesellschaft Richtig und Falsch Lernen

Kinder verbringen fast den gesamten Tag in der Schule. Die Welt, in der sie sich dort bewegen, bleibt ihren Eltern meist nur in Schemen greifbar. Was wird sie da eigentlich gelehrt? Und was wird ihnen vermittelt? Ein Lückentest.

© dapd Vergrößern Vom Wissen zum Erkennen: Wichtiger als das, was einer lernt, ist, was er daran lernt.

Vor ein paar Jahren, als es die Deutsche Demokratische Republik noch gab und ich zur Schule ging, sollten wir im Zeichenunterricht ein Plakat zum Thema „Freiheit“ malen. Von heute aus gesehen finde ich es sonderbar, dass es ausgerechnet Freiheit war, normalerweise ging es bei uns um Frieden und Sozialismus. „Für Frieden und Sozialismus - seid bereit!“ riefen die Lehrer beim Fahnenappell, und wir hoben die Hände zum Pioniergruß und riefen: „Immer bereit!“ In jener Zeichenstunde zur Freiheit aber sollten wir nun wirklich frei sein, unser Plakat so zu gestalten, wie wir wollten. Es musste lediglich, so war es vorher angesagt worden, auffallen und zum Nachdenken anregen.

Am Ende der Stunde heftete die Lehrerin alle Plakate an eine Seite der Tafel, nur das Plakat von Jan hing auf der anderen. Im Gegensatz zu den meisten von uns hatte er keine lachenden Kinder gemalt, die beschützt von den Soldaten der Volksarmee auf blühenden Wiesen spielten. Er hatte einen Pinsel genommen und „Freiheit“ auf Papier geschrieben, so groß dass das „i“ und das „t“ gar nicht mehr drauf passten. Nach zehn Minuten war er fertig gewesen. Nun sollte er aufstehen und sich dafür rechtfertigen.

“Warum habe ich wohl Dein Plakat nicht zu den anderen gehängt?“ fragte ihn die Lehrerin.

“Ich weiß es nicht“, antwortete er.

Daraufhin fragte sie in die Klasse, ob jemand anderes sich das vielleicht erklären könne, und ohne zu erkennen, worauf das hinauslaufen sollte, antworteten die Eifrigen, dass sich Jan keine Mühe gegeben habe, nach zehn Minuten fertig gewesen sei und man das Wort Freiheit auch gar nicht richtig lesen könne.

“Hast Du dazu was zu sagen, Jan?“, fragte die Lehrerin.

Jan stand da und hatte die roten Flecken im Gesicht, die er immer bekam, wenn er aufgeregt war. Aber seine Stimme klang ganz ruhig, als er antwortete. Er sagte, er habe gedacht, ein Plakat solle auffallen, zum Nachdenken anregen, und seiner Meinung nach tue das sein Plakat. Sonst hätte es die Lehrerin kaum aussortiert und wir würden auch nicht schon so lange darüber reden, statt über die anderen.

“Außerdem ist Freiheit eine so große Sache, die passt nicht auf ein Blatt“, sagte er.

Dann klingelte es.

Am Ende eines ganz gewöhnlichen Mittwochabends, an dem wir mit unserer dreizehn Jahre alten Tochter die Redoxreaktion für Chemie, den transatlantischen Sklavenhandel für Geschichte und für Geographie den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas seit dem Krieg wiederholt haben sowie mit unserem neun Jahre alten Sohn einen Rap über Freundschaft gelernt und die gesamte Geschichte Berlins von der Gründung bis zum Mauerfall durchgesprochen haben, fiel mir dieses Plakat wieder ein.

Was lernen die Kinder eigentlich in der Schule? Und was wird ihnen vermittelt?

Jeden Morgen verlassen die Kinder gegen halb acht das Haus und kommen am Nachmittag zwischen halb zwei und halb vier wieder zurück. Das ist fast ein ganzer Tag. Von der Welt, in der sie sich in dieser Zeit aufhalten, bekommen wir - wie wohl die meisten Eltern - nur das mit, was sie erzählen, wiederholen müssen oder als Hausaufgaben aufhaben. Das ist natürlich nicht die ganze Schule, es ist nur das, was von ihr übrigbleibt.

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