04.06.2008 · Ein Zaun zieht die Zeitgrenze: Drüben arbeitet noch das alte Ruhrgebiet, hüben ist es schon in Rente. Wie soll das Revier, wenn es "Europäische Kulturhauptstadt 2010" wird, aussehen, wie wird es sich darstellen?
Die Halle Marl ist ein Ort des alten Ruhrgebiets. Wer hierherkommt, um eine Aufführung der Ruhrfestspiele zu besuchen, kann noch sehen, wie das Revier einmal war. Hinter dem Parkplatz am Ende der (neu angelegten!) Straße "Am Alten Pütt" erscheint es, von einem grünen Metallzaun getrennt, im Blickfeld: "Bergwerksgelände - Betreten verboten". Bilder einer Landschaft, wie sie Albert Renger-Patzsch oder Willy van Heekern fotografiert haben. Weit hinter den Bahngleisen, auf denen Güterwaggons rollen und Kohle abtransportieren, streckt sich eine schwarze Berghalde in die Breite, deren Oberkante so glatt erscheint, als wäre sie mit dem Lineal gezogen. Auch am Abend rollen, wie von Geisterhand bewegt, darauf riesige LKWs.
Das ist alles andere als eine im landläufigen Sinne schöne Gegend; aber eine, die noch von schwerer Arbeit und großen Umwälzungen erzählt, die Monumentalität, Pathos, Strenge, Charakter hat. Nur ganz rechts wird aus dem Schwarz dichtes Grün, die schon früher aufgeschüttete Halde ist von Gräsern und Büschen überwuchert. Das Gelände gehört zur Schachtanlage Auguste Victoria I/II, die erst im Herbst vergangenen Jahres stillgelegt und inzwischen verfüllt wurde. Etwas weiter nördlich, in den Schächten III, VII und VIII, wird weiter Kohle gefördert.
Der Zaun zieht auch eine Zeitgrenze. Drüben arbeitet das alte Ruhrgebiet, hüben ist es schon in Rente; drüben liegt es in den letzten Zügen, hüben auf der faulen Haut. Die beiden alten Fördertürme stehen, schwarz und filigran, unter Denkmalschutz; die Häuser und Hallen um sie herum, überwiegend mit roten Klinkern ausgefachte Stahlfachwerkbauten vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, haben ausgedient und wurden neuen Nutzungen zugeführt. So wurde die ehemalige Grubenausbauwerkstatt zu einer Konzert- und Theaterhalle umgerüstet, welche die Ruhrfestspiele als Spielstätte anmietet. Seit drei Jahren heißt sie "Yehudi-Menuhin-Forum", in Erinnerung an den Geiger, der mit der in Marl ansässigen Philharmonia Hungarica musiziert hat. Auf einem Banner aus Metall prangt der große Name an der Fassade, dem Replikate einer Violine und einer Panflöte silberne Kronen aufsetzen. Vorne am Zaun zeigen die Ruhrfestspiele - und mit ihnen die "Sparkasse Vest Recklinghausen" - sechsmal Flagge.
An die Schmalseite der Halle wurde ein Zelt mit tonnenförmigem Dach als Foyer angesetzt, um das, in einem weiten Bogen und eingegrenzt von einem weißen Lattenzaun, ein holpriges Rasenstück abgesteckt ist. Zur Premiere von "Anna Karenina" (F.A.Z. vom 19. Mai) hatte ein BMW-Händler in der vorderen Ecke ein Partyzelt aufgebaut und darin drei Luxuslimousinen geparkt, in deren Lederfauteuils Probe gesessen konnte und Knöpfchen gedrückt wurden. Die "Aktion" war zeitlich begrenzt, und so wird das Feld mittlerweile einem metallischen Zierbrunnen überlassen, der, eingefasst von einem zerzausten Blumenbeet, munter seine wasserspeienden Orgelpfeifen sprudeln lässt. Die vierundzwanzig Sponsoren haben ihre Namenszüge und Logos auf zwei plexigläsernen Stellwänden am Eingang zum Foyer verewigt, die sich aber nicht als stabil genug erwiesen haben, um sechs Wochen durchzuhalten. Der Malerbetrieb Lambernd tut sich besonders hervor, indem er Wandteiler in verschiedenen Tönungen sowie quadratische Fußbodenmuster aus unterschiedlichen Materialien ausstellt, auf denen vier Partyhocker aus Edelstahl um einen hohen Tisch stehen.
In der hinteren Ecke unter dem Zeltdach wird eine Miniaturausgabe des Obelisken präsentiert, der seit 2005 die Halde Hoheward in der Nachbarstadt Herten krönt: Im Maßstab eins zu fünf verspricht der glitzernde Phallus "aus zeitlosem Edelstahl" mit seinem goldenem Fuß und ebensolcher Kugelspitze in jedem privaten Garten eine potente Figur abzugeben. Der Theaterbesucher ist hier, ob er will oder nicht, erst einmal Kunde: Bevor er zu Leo Tolstoi, Arthur Miller oder Luigi Pirandello vorgelassen wird, soll er sich durch ein breites Warenangebot kämpfen.
Auf der anderen Seite des Eingangs beult sich die Rasenfläche zu einem provisorischen Biergarten, den ein runder Thekenanhänger von "Veltins" zentriert: Billige weiße Plastikstühle stehen um runde Tische, Sonnenschirme der Brauerei spenden Schatten. Eine einzelne Hollywoodschaukel schert, gleichsam als Thron, aus der kleinbürgerlichen Ordnung aus. Das Preisschild hängt - Schnäppchenheimer aufgepasst! - hinten noch dran: "Slöinge-Hollywoodschaukel, Kiefer, Stück 269,90 [Euro]". Die mit neoromanischen Fenstern gegliederte Südfassade der Halle ist mit Container-Klos verstellt; ihr schräg gegenüber wurde, hinter einem hofartigen Platz, ein geräumiges Gastronomie-Zelt aufgeschlagen, in das "Westernkartoffeln mit Dipp" oder "Scampi-Spieße" locken. So gestärkt, lässt sich der Eingang sicher bewältigen, wo ein rostroter Teppich aus Kunststoff die letzten Meter ins Foyer überbrückt. Eingestaubte Plastikpalmen in hohen Plastiktöpfen, unten mit Plastik-Efeu garniert, flankieren den Weg in die Halle, der, erhellt von klapprigen Kronleuchtern, vom Konsum zur Kunst führt. Denn was immer drinnen folgen wird, der Theaterbesucher darf erst jetzt endlich sicher sein, dass er nach einer Anfahrt, die aussieht wie zu einem Campingplatz, nicht auf einer Kreuzung aus Straßenfest und Baumarkt-Outlet gelandet ist.
Es ist noch keine zehn Jahre her, dass im nördlichen Ruhrgebiet die Internationale Bauausstellung Emscher Park zu Ende ging, eine ehrgeizige und vielteilige "Werkstatt für den Umbau", die den Anspruch hatte, die geschundene Industrieregion zu revitalisieren und, ohne ihre Unverwechselbarkeiten einzuebnen, ein Bewusstsein für ihre "anderen" Schönheiten zu entwickeln - auch ein Versuch, das Ruhrgebiet zu einer neuen Kenntlichkeit zu entstellen und doch seine Identität zu wahren. Die Festspiele, die es im Namen führen, wissen davon nichts. Während hinter dem Zaun noch die Vergangenheit herrscht, wird sie davor von einer ubiquitären Schäbigkeit erobert. Anderthalb Jahre noch, dann ist das Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt 2010. Wie, bitte, soll das aussehen? ANDREAS ROSSMANN