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Wie will diese Nation normal werden?

23.07.2009 ·  Den skandalösen Frühschriften des Philosophen Cioran entnehmen die Franzosen unangenehme Fragen

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PARIS, im Juli

Sind die Frühschriften von Emil Cioran, die derzeit die französischen Intellektuellen elektrisieren (F.A.Z. vom 9. Juni), nur von historischem Interesse? Oder können scharf gezeichnete Zerrbilder aus der Zeit der nationalen Konflikte unserem Europa zu denken geben, das sich in seinem Parlament noch nicht wiedererkennt? Stößt die französische Nation in Ciorans völkerpsychologischen Betrachtungen womöglich auf Spurenelemente kollektiver Energien, die sich zu leicht nicht rationalisieren lassen?

Im Herbst 1933 kam der zweiundzwanzigjährige Cioran als Student nach Berlin und war sofort angetan von der "Formlosigkeit" Deutschlands: von dessen Hang zum Exzess, dessen "fruchtbarer Barbarei" und dessen Bereitschaft, alle Tradition aufs Spiel zu setzen für ein politisches Abenteuer. So zumindest nahm der rumänische Humboldt-Stipendiat damals fasziniert das beginnende Hitler-Deutschland wahr. Vier Jahre später ging er nach Paris und verfasste dort dann im Sommer 1941 die Schrift "Über Frankreich". Wenn ihm dieses Land und diese Kultur der stilvollen Oberfläche, der Eleganz und der Abscheu vor allem metaphysischen Grübeln so teuer seien, dann liege das daran, schrieb er, dass es den Klarblick des "ennui" - der viel weiter reicht als die deutsche Langeweile - von früh auf gepflegt habe. Ein leicht faszinierbarer Fanatiker hat sich zum Skeptiker geläutert.

Ciorans faschistische Beiträge aus Berlin und München für die rumänische Zeitschrift "Vremea" waren zumindest in Auszügen bekannt. Das ebenfalls auf Rumänisch geschriebene Buch über Frankreich ist nun als "De la France" im Pariser Verlag L'Herne erstmals erschienen, gleichzeitig mit einem voluminösen Cioran-Band in der berühmten Reihe "Les Cahiers de l'Herne", der neben den politischen Schriften auch zahlreiche andere Zeugnisse von und Studien über Cioran enthält. Es sind zwei hochinteressante Publikationen, bei denen nicht mehr die Disqualifizierung oder die Rettung eines Autors im Mittelpunkt steht. Sie lenken den Blick vielmehr auf ein Gefälle zwischen "großen" und "kleinen" Nationen, das wir Europäer bürokratisch bewältigt, aber real nicht überwunden haben.

Der seiner "primitiven Kultursteppe" Rumäniens entronnene Cioran sah sich in Berlin und Paris den zwei dominierenden Kulturen Europas gegenüber und suchte in deren Konfrontation seiner eigenen Herkunft Profil zu verleihen. Die deutsche und die französische Kultur seien unvereinbar, schrieb er im Dezember 1933, ihr schicksalhafter Aufeinanderprall könne nur im endgültigen Untergang der einen oder anderen enden. Die Einigung Europas konnte der Ungeduldige sich nicht anders vorstellen als in der Überwindung einer "exzessiven Vielfalt". Wenn die Agonie Frankreichs oder Deutschlands der Preis dafür sei, sei das hinzunehmen: "Beide haben gegeben, was sie zu geben hatten", und erst wenn durch Vernichtung des einen durch den anderen eine europäische Kultur entstanden sei, könne diese in der Welt sich auch durchsetzen, als Eroberungswille.

Statt in gegenseitiger Bezwingung sucht Europa heute seine Einheit in kultureller Durchdringung, unter Wahrung der Differenzen. Ciorans Schlussfolgerung war also grundfalsch, nicht aber seine Prämisse. Darin treffen sich heute die Kommentatoren. Cioran habe sich absichtlich von Hitler verführen lassen, schreibt Sylvère Lotringer von der New Yorker Columbia-Universität im erwähnten "Cahier de l'Herne": Begeistert habe er sich weniger für die nationalsozialistische Ideologie als für eine Figur und eine Bewegung, die Deutschland aufrüttelte und, so hoffte der junge Rumäne, in seinem Land Nachahmer finden musste. Der Hitler-Fanatiker Cioran sei vor allem "ein Fanatiker des von Hitler ausgelösten Fanatismus" gewesen. Dass dennoch auch Ideologisches im Spiel war, zeigt das wilde Buch "Die Verklärung Rumäniens" (1936), das, mit einem warnenden Umschlag versehen, bei L'Herne ebenfalls gerade in Übersetzung erschien. Mit Skepsis allein konnte Cioran diesem Wahn nicht entwachsen. Er brauchte auch seine ungebrochene, aber politisch entkräftete Phantasie, wie die im besetzten Paris entstandene Schrift "De la France" zeigt, in der Frankreich gerade wie in einem Rückspiegel seine aktuellen Nöte betrachtet.

Nachdem Frankreich seinen glorreichen historischen Parcours fast fehlerfrei durchlaufen habe, wäre es schade, wenn es nun seinen Abgang verfehlte, schrieb Cioran: also bitte keine Anflüge mehr von Größenrhetorik! Der in ihrer Besonderheit sich sonnenden Nation bleibe nur noch, ihr "im Alexandriner verkrustetes Schicksal" zu akzeptieren und so normal wie alle anderen zu werden. Dass der Autor sich gerade für dieses Land und von 1947 an für dessen Sprache entschied, zeigt aber die Widerstandsfähigkeit des Landes. Und diese Beharrungskraft erklärt das Ächzen, das unter Sarkozys Regime heute die Einlösung des Normalisierungsprogramms von 1941 begleitet: normale Nato-Mitgliedschaft, Einschmelzung des Staatsapparats auf ein europaverträgliches Maß, Unterwanderung der zentralen Systeme durch lokale Autonomie.

Besonders gequält wirkt die Anstrengung im Bereich Lehre und Forschung sowie in der Kulturpolitik. Nach einem vier Monate dauernden Streik an den Universitäten stolperte das Land in die Posse von Jahresabschlussprüfungen mit Stoffen, die gar nicht gelehrt wurden. Eine unausgereifte und halsstarrig durchgeführte Hochschulreform wollte die Universitäten brutal zu autonomen Unternehmen umkrempeln. Solange die französische Gesellschaft ihr Doppelsystem aus Massenuniversitäten und Eliteschulen nicht gelöst und sein Erbe republikanischer Zentralstaatlichkeit nicht von Grund auf überdacht habe, könne aus der Normalisierung nichts werden, warnt der Politologe Marcel Gauchet.

Noch offensichtlicher ist das in der Kulturpolitik. Nach den Jahrzehnten erfolgreicher Staatsintervention sah es vor zwei Jahren so aus, als sollte das Kulturministerium abgeschafft werden. Dazu kam es zwar nicht, doch läuft die Verzagtheit der gegenwärtigen Amtsinhaberin beinahe darauf hinaus. Neben protokollarischen Akten beschränkt sie sich auf die Umverteilung von Finanzposten zur Verschleierung realer Etatkürzungen. Beinah peinlich kam das vor ein paar Tagen im Pariser Grand Palais zum Ausdruck. Im Rahmen der vom Kulturministerium veranstalteten Kunsttriennale "La force de l'art 02", die mit drei Dutzend Installationen unter der bombastischen Glaskuppel den Zustand der französischen Gegenwartskunst präsentierte, spielte die Theatertruppe Zerep ihre neue Produktion "Bartabas tabasse" (Bartabas haut klitzeklein): eine szenische Imitation des Vorfalls, bei dem der Pferdetheaterkünstler Bartabas im vergangenen Jahr aus Wut über eine verweigerte Subvention ein Büro der Kulturverwaltung verwüstet hatte. "Was bleibt dem Künstler als letzte Ausdrucksmöglichkeit?" - hieß im Untertitel das Happening, bei dem der Darsteller zum Gaudi der Zuschauer eine Stunde lang Schreibtische, Stühle, Papierkörbe, Computer und Grünpflanzen demolierte.

Frankreich könne der Welt einen letzten Dienst erweisen, schrieb Cioran 1941, indem es ihr klarmache, was sie mit seinem Verschwinden verliere. Nur nahm der Autor an, dass die Welt auch tatsächlich hinschaue. JOSEPH HANIMANN

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