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Wie ich Buchenwald und andere Lager überlebte

Menschlichkeit in der Entmenschung, zweideutig, aber lebensrettend - es gibt sie. Meine Existenz verdanke ich einem finsteren und brutalen Funktionshäftling, einem "Kapo" des Konzentrationslagers. Von Stéphane Hessel

Christian Pineau, einer meiner frühesten Bekannten aus der Widerstandsbewegung, den ich 1942 in London getroffen hatte, bat mich in Buchenwald, ein Manuskript von ihm zu lesen, das eine besondere Form intellektueller Tätigkeit innerhalb des KZ bezeugt. Denn ihm, dem späteren Außenminister Frankreichs, gelang es, sich als einen ganz unscheinbaren Menschen darzustellen, obwohl er 1940 die Widerstandsgruppe der Gewerkschaften im Norden von Frankreich gegründet hatte, die "Libération Nord". Er wurde in Lyon festgenommen, ohne dass man ihn als wichtiges Mitglied der Résistance erkannte. Er spielte den Dummen. Pineau fand sich in Buchenwald so zurecht, dass er schreiben konnte. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat. Es handelte sich um ein Theaterstück über Deianeira, die Gattin des Herakles. Pineau war übrigens der Schwiegersohn von Jean Giraudoux, der in seinen Theaterstücken gern antike Stoffe aufgriff. In dem Stück von Pineau verursacht die Eifersucht den Tod des Herkules. Denn dieser würde sich nicht verbrannt haben, um in den Olymp zu gelangen, wenn er nicht an dem Nessushemd der Deianeira so gelitten hätte.

Christian Pineau stellt die Eifersucht als die unversöhnlichste aller Leidenschaften dar. Ein Thema, das mich aus unterschiedlichen Gründen interessierte. Aber ich weiß nicht, wo er es geschrieben hat. Vielleicht doch in Buchenwald? Hier bekam man Papier, wenn man sich gut fügte. Also ich weiß nur, wie stolz er darauf war, mir sein Theaterstück geben zu können und mich zu fragen, ob es ein gutes Stück sei oder nicht. Das war typisch für das Bedürfnis, auch in dieser Grenzsituation des Lebens den Geist und die eigene Kunst nicht aufzugeben.

Dem französischen Violinisten Maurice Hewitt gelang es, ein Quartett mit Genehmigung der Lagerleitung zu gründen und Mozart in Buchenwald zu spielen. Wie kam es dazu? Das zwingt uns, kurz auf die sogenannte Lagerselbstverwaltung im KZ einzugehen und ihre Arbeit zu beschreiben: die Tätigkeiten der Kapos, der Stuben- und Blockältesten wie der Lagerältesten, also der privilegierten Funktionshäftlinge. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass die deutschen Häftlinge sich in Buchenwald schon seit 1937 aufhielten. Und einige von ihnen waren schon vorher in anderen Lagern, zum Beispiel Arthur Dietzsch, der für mich den Typ eines Kapos darstellt, den man gleichzeitig fürchterlich und unentbehrlich findet. Diese Menschen sind natürlich in den KZs geformt und auch verändert worden. Und doch sind sie dabei Menschen geblieben, wie zum Beispiel die Franzosen, die mit den deutschen Kommunisten zusammenarbeiteten, oder wie Jorge Semprun, der Spanier aus den Reihen der kommunistischen Partei. Sie hatten erreicht, was im KZ aussichtslos erschien, nämlich dass die SS ihnen formal und stellvertretend die Leitung im Inneren des Lagers übertrug.

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