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Werner Düggelin Der Paradiespförtner

06.12.2009 ·  Was tut ein guter Regisseur? Er hört sehr gut zu

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Ein älterer Mann und eine junge Frau sitzen am Wohnzimmertisch und spielen Schach. Er ist der Herr, sie das Dienstmädchen. Sie setzt ihn in zwei Zügen schachmatt, das hier ein Schachmunter ist. Denn diese Schachpartie, bei der beide sich keinen Moment berühren, aber auch keinen Moment aus den Augen lassen, ist auch ein Liebesspiel, ein einziges Sichverschlingen und Liebkosen allein mit Blicken. Die erotischste Schachpartie, die unsere Augen je genossen, ohne dass unsere Augen mehr zu sehen bekommen hätten als eine Szene, in der nichts erklärt und entschlüsselt wird. In der alles Geheimnis, aber doch ganz natürlich ist. In der den Figuren ein Rätselrest an paradiesischer Schuld oder höllischer Unschuld bleibt, aus der kein Regie-Zwang sie erlöst.

Andere Regisseure, die ihren Beruf mit einem Bemächtigungsgewerbe verwechseln, hätten hier den Herrn und die Knechtin oder den Alterslüstling und die junge Schlampe oder den Neurotiker und die Naive oder den Spielfigurenfingerer und die Ersatzbefingerte oder irgendeine Konstellation inszeniert, die sie mit linker oder rechter Hand auf ihrer Konzeptionsmatte im Karree herumgestupst hätten. Werner Düggelin aber hat in seiner Inszenierung von Strindbergs "Unwetter", 2001 im Zürcher Schauspielhaus, sich dieser beiden selig-komischen Figuren nicht bemächtigt. Er hat sie und ihre Schauspieler zu nichts gezwungen, was nur ihm einfiele, er hat ihnen das entlockt, was sie sonst niemandem erzählen würden - außer ihm. Düggelin ist unter den alten Meisterregisseuren der geduldigste Zuhörer, der wunderbarste Beichtvater. Der ein Geheimnis nicht unterm Siegel der Verschwiegenheit, sondern unterm Siegel eines Wunders zu bewahren weiß.

Deshalb sind die unaufwendigen, mit sparsamsten Mitteln, aber so durchdringenden wie eleganten Wort- und Charakterbeklopfungen auskommenden Theaterkunstabende Düggelins eine solche Freude. Feste hingerissener Diskretion. Der junge Schweizer, der als Beleuchter im Schauspielhaus Zürich anfing, dann nach Paris ging, bei Roger Blin lernte, Ionesco und Beckett mit allen Herzensnervenfasern studierte, tauchte in den fünfziger Jahren plötzlich in Gustav Rudolf Sellners Darmstädter Ensemble auf, wo er seine erste private Bleibe mit dem Bett aus einer "Hamlet"-Inszenierung möblierte. Was mehr bedeutet als eine biographische Anekdote: "Der Dügg", wie ihn alle Theaterwelt seitdem nennt, schien seinen Figuren immer so nahe, als wolle er sie im Traum begreifen, aber im Wachsein erst belauschen.

In Basel machte er Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ein aufregendes, die Klassiker wie Gegenwartsstücke, die Gegenwartsstücke wie Klassiker nehmendes Theater: unter sagenhaften Krächen mit Dürrenmatt und Frisch und einem Dramaturgen Beil, der ihm half, nicht nur eine Stadt, sondern ein ganzes Land theatralisch zu erregen.

Düggelin wurde danach zu einer freien, internationalen Größe, in Paris so gut zu Hause wie in Berlin, Düsseldorf oder Zürich. Ob bei Claudel ("Mittagswende"), bei Molière ("Menschenfeind", "Don Juan"), bei Camus ("Der Fremde"), bei Hürlimann ("Das Lied der Heimat"), Wilde ("Bunbury"), Sartre ("Geschlossene Gesellschaft") oder der ganz jungen Laura de Weck ("Lieblingsmenschen"): Der mit französischer Clarté, Schweizer Geduld und weltbildungsbürgerlicher Genialität gleichermaßen Begabte blieb seinen Figuren ein paradiesischer Pförtner, der ihnen alle Türen aufhielt. Durch Düggelins Türen gingen sie immer anders hinaus, als sie durchs Bühnenportal hereingekommen waren. Mehr können sie von einem Regisseur kaum verlangen. Am 7. Dezember wird dieser große Menschenverwandler achtzig. GERHARD STADELMAIER

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