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Wenn der Liebesgott siegt

15.01.2010 ·  Marelize Gerber singt italienische Barock-Kantaten

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Der Name klingt nach Blumen aus dem Süden. Und in der Tat hat sich das österreichisch-italienische Ensemble "Concertino Amarilli" nach einer der kapriziösen Nymphen aus der griechischen Mythologie benannt. Das Debut-Album dieser Gruppe, die vor neun Jahren von der Cembalistin Ulli Nagy und der Cellistin Marie Orsini-Rosenberg gegründet wurde, heißt "Amor hai vinto", es ist ganz dem flatterhaften Treiben von Nymphen und deren Kavalieren gewidmet und hat dazu die südafrikanische Sopranistin Marelize Gerber verpflichtet. Die hier versammelten Kantaten für Sopran, Oboe, Fagott und Basso continuo sind sämtlich zwischen 1680 und 1730 entstanden, allerdings hat man beim ersten Hören unwillkürlich immer wieder Botticellis ungleich früher entstandene "Primavera"-Darstellung vor Augen, in der sich tanzende Grazien ein elysisches Stelldichein geben.

Um jugendtolle Liebeständelei geht es in Agostino Steffanis Cantate "Spezza amor l'arco e li strali", darin der Schäfer Fileno mit drängenden Koloraturkaskaden Gott Amor um Schützenhilfe anfleht. Steffani, der wegen seines großen Talents schon als halbes Kind vom bayerischen Kurfürsten Ferdinand Maria nach München abgeworben wurde, feierte eine außergewöhnliche Karriere, die ihn an alle bedeutende Höfe Europas führte. Er versorgte allerdings nicht nur Hofgesellschaften mit Kantaten, er war auch als katholischer Titularbischof in diplomatischer Mission unterwegs und soll als päpstlicher Chefspion tätig gewesen sein: Katholischer Glaube und Liebeskantaten mussten sich nicht ausschließen.

Auch die Kantate "D'amore il primo dardo" von Nicola Antonio Porpora handelt von der brennenden Liebestollheit für eine Nymphe. Porpora, einer der wichtigsten Gesangslehrer der Barockzeit, war gebürtiger Neapolitaner, er hatte Kastratensängern wie Farinelli, Porporino und Caffarelli extravaganten Schliff zu geben gewusst, schwärmte dann später aus, ging nach Venedig, London, Dresden und Wien, machte als Opernkomponist sowohl Hasse wie auch Händel Konkurrenz und brachte um 1720 für ein paar Spielzeiten die Händelsche Operntruppe in London in schwere Bedrängnis, nicht zuletzt wohl wegen seiner typisch neapolitanischen Leichtigkeit im Melodien-Erfinden. Später geriet Porpora dann in Vergessenheit, nur wenige Kenner, darunter Romain Rolland, wussten noch um die Qualität seiner Kompositionen; und erst in jüngster Zeit sind einige seiner bravourösen Arien wiederaufgetaucht, dank Sängerstars wie Cecilia Bartoli oder Philippe Jaroussky (siehe F.A.Z. vom 28. November und vom 10. Oktober 2009).

In Venedig unterrichtete Porpora als Kollege von Antonio Vivaldi an einem der musikalischen Waisenhäuser. Vivaldi sollte sowieso in einem Nymphenballett nicht fehlen. Seine Kantate "Amor hai vinto", die dem Album den Titel leiht, ist die erschöpfte Klage eines sich in sein Schicksal ergebenden Hirten. Er ist der Nymphe Clori geradezu verfallen, sie möge nun, klagt er, über sein Schicksal befinden. Diese Kantate ist ein Kleinod im großen Schaffen Vivaldis, ein Meisterwerk an weh durchdekliniertem Kontrapunkt - und sie macht wieder einmal deutlich, warum gerade Bach Vivaldi so gründlich studiert hatte.

Nagy hat dieses schöne Bouqet aus Liebesweisen zusammengestellt, sie leitet ihr Ensemble vom Cembalo aus, bei dem es sich um die Kopie eines um 1680 gebauten Instruments handelt. Orsini-Rosenberg spielt, als Intermezzo, eine Symphonie für Solo-Violoncello, komponiert vom Wiener Hofkomponisten Antonio Caldara, ein virtuoses Stück, das eindrucksvoll bezeugt, dass der Komponist selbst Cellist war. In Vivaldis anspruchsvoller Sonate RV 53 brilliert Andrea Mion mit einer zweiklappigen Oboe von 1710. Die Rhythmusgruppe mit dem Theorbisten Stefano Rocco und dem Fagottisten Paolo Tognon garantiert dem durchweg temperamentvollen Barock-Sound das nötige italienische Timbre - und Marelize Gerber interpretiert die Kantaten mit Anmut und stimmlicher Beweglichkeit. Als letztes Stück: eine Kantate von einem der vielen unbekannten Komponisten des italienischen Barock. Sein Leben lang hatte der wackere Francesco Mancini die Musikstadt Neapel (und die Schattenseite der Musikhistorie) nicht verlassen. Auch die dortige Hofgesellschaft wollte sich in arkadische Idyllen hineinträumen, den Liebesklagen von Schäfern, den Lockgesängen von Nymphchen lauschen. In "Quanto dolce è quell'ardore" hat das Werben endlich Früchte getragen: Clori ist willig, sich der Liebesglut hinzugeben. Endlich lässt sie alle gesangstechnischen Tricks fahren und verlockt den buhlenden Schäfer, begleitet von süssem Oboenklang, zu einem Schäferstündchen. Die Liebe hat also gewonnen. Fragt sich nur, für wie lange. Birgit Pauls

"Amor hai vinto". Kantaten und Symphonien von Agostino Steffani, Nicola Porpora, Antonio Caldara, Antonio Vivaldi und Francesco Mancini. Marelize Gerber, Concertino Amarilli, Ulli Nagy. Gramola 98856 (Codaex)

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