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Was wäre Mama ohne ihre Nanny?

16.03.2010 ·  Tagesmütter als evolutionärer Glücksfall: Zuerst kam die Fürsorge, dann die Intelligenz. Sarah Blaffer Hrdy fragt, wie wir zu sozialen Wesen wurden.

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Von Joachim Müller-Jung

Über Mütter und ihre Kinder handelt dieses Buch, aber mehr noch über "die anderen". Denn die anderen, das sind die Großmütter, Schwestern und Großtanten, auch die unverwandten Tagesmütter, Kinderfrauen und Nannies, sie alle sind für Sarah Blaffer Hrdy die verkannten Helden der Menschheitsgeschichte. "Allomütter" nennt sie diese fremden Mütter, jene, die für das Kindeswohl nach ihrer Überzeugung mithin wichtiger sein können als das gelegentlich durchaus "ambivalente" klassische Mutter-Kind-Verhältnis.

Man spürt sofort, dass hier eine Autorin angetreten ist, an Konventionen und Klischees zu rütteln. Tatsächlich sind wir heute mehrheitlich immer noch so stark von der klassischen Bindungstheorie und dem Gedanken geprägt, der Mutterinstinkt bewirke die Erfüllung der Fürsorgepflichten quasi von selbst, dass mancher dieses Buch wirklich als Degradierung der Mutter in unserem sozialen Kosmos liest. Genau die Absicht darf man der Autorin jedoch nicht unterstellen. Die Mutter bleibt das Zentralgestirn der Familie, was spätestens dann klar wird, wenn es um die demographischen Entwicklungen der Neuzeit geht.

Vor etwas mehr als zehn Jahren, als sie ihr damals vielbeachtetes Buch "Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution" veröffentlichte, hatte die kalifornische Anthropologin und Primatenforscherin, selbst Mutter von drei Kindern, die Idee entwickelt, dass der Mensch ähnlich wie viele Säugetier- und auch Vogelarten dazu übergegangen sein muss, seine Nachkommen kooperativ aufzuziehen. Hrdy war in den siebziger Jahren in Harvard tätig und damit im Dunstkreis prominenter Soziobiologen wie Robert Trivers und Edward O. Wilson. Ihre These von der kooperativen Jungenaufzucht war, so gesehen, keine Revolution. Doch das Postulat der Bindungstheoretiker und die Befunde der Primatenforscher waren erdrückend. Zwar hatte man bei der der Hälfte der Primaten Hilfsbereitschaft in der Jungenaufzucht finden können, aber bei keinem unserer nächsten Menschenaffenverwandten. Die meisten - auch die Soziobiologen - glaubten, die frühen Hominini würden ihre Kinder so großziehen wie unsere nächsten Verwandten.

Hrdy ließ sich von anderen Beobachtungen beeindrucken. Etwa den Studien der Anthropologen auf dem Ifaluk-Atoll und bei den Jäger-Sammler-Gemeinschaften in Tansania. Sie alle und ihre eigenen Freilandstudien an Languren-Affen brachten ein für sie eindeutiges Ergebnis: Überall dort, wo Großmütter, Tanten und hilfsbereite Frauen im Dorf ein soziales Klima der Sicherheit erzeugen, wo sie bei der Aufzucht mithelfen und wo die Mütter Unterstützung und Beistand erfahren, sind die Sprösslinge nicht nur besser ernährt und gesünder - ihre Überlebenschancen sind klar größer. Und die Väter? Ihnen gesteht die Autorin ein "in der DNA codiertes Fürsorgepotential" durchaus zu, doch der Mann war und ist für sie der Beschützer der Sippe, weniger der hingebungsvolle Ernährer und Erzieher. Kooperation und Kindeswohl kann für Hrdy unmöglich das Ergebnis von Konflikten und Kriegen gewesen sein, die frühe Homininigruppen zusammenschweißten, sondern von einem bereits bei Säuglingen angelegten Einfühlungsvermögen .

Dass soziale "Instinkte" das evolutionäre Schicksal des Menschen entscheidend gelenkt haben könnten und nicht etwa nur eine Art Nebenprodukt unserer kulturellen Entwicklung sind, hat Hrdy konsequent recherchiert. Sie hat Berge wissenschaftlicher Indizien angehäuft, von der Paläanthropologie bis zur Psychologie und Hirnforschung. Ihre umfassende Darstellung empirischer Befunde lässt wenig Raum für Erzählkunst. Was sich am Ende in einem fast schon erdrückenden, mehr als hundert Seiten starken Anhang mit Anmerkungen und Literaturverweisen niederschlägt. Für die Soziobiologin steht fest: Zuerst kam die Fürsorge, dann die Intelligenz. Mit anderen Worten: Lange bevor der anatomisch moderne Mensch überhaupt auftrat, vor Millionen Jahren also, waren die biologischen Grundlagen für Empathie und Kooperationsbereitschaft längst gelegt.

Was da aufleuchtet, ist wieder der alte Konflikt um Darwins Idee vom Überleben der Stärkeren. Anders als andere Autoren formuliert die kalifornische Soziobiologin in dieser Hinsicht allerdings vorsichtig. Sie glaubt, dass sich unsere soziale Intelligenz nicht gegen die natürliche Selektion ausgebreitet hat, sondern durch diese erst möglich wurde. Die Auslese der Altruisten war sozusagen unser großes Glück, sie brachte die Geburt der Großfamilien und den Erfolg der Gemeinschaft. Was daraus freilich werden wird in unserem heutigen Trend der Vereinzelung und digitalen Isolation, das stimmt auch die Autorin nicht unbedingt optimistisch.

Sarah Blaffer Hrdy: "Mütter und andere". Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Berlin Verlag, Berlin 2010. 537 S., br., 28,- [Euro].

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