05.01.2011 · Rafi Pitts ruft zum Protest gegen Iran auf
Am 11. Februar jährt sich zum zweiunddreißigsten Mal die Iranische Revolution. Es ist ein großer Feiertag für das Land, aber einer seiner Bürger will ihn stören. Der Regisseur Rafi Pitts hat Filmschaffende in aller Welt dazu aufgerufen, am 11. Februar von 15 bis 17 Uhr Teheraner Zeit (das entspricht hierzulande 12.30 bis 14.30 Uhr) die Arbeit niederzulegen, um gegen die langen Haftstrafen für seine Kollegen Jafar Panahi und Mohammad Rasulof zu protestieren. In einem Gespräch mit der "tageszeitung" zeigte sich Pitts zuversichtlich, dass sich auch Filmschaffende in Iran daran beteiligen werden.
Noch ein anderer Schauplatz wird dann aber im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit stehen: die Berlinale. Der 11. Februar ist in diesem Jahr der zweite Tag des Festivals. Man darf gespannt sein, ob es seinem selbst erhobenen politischen Anspruch dadurch gerecht wird, dass es Pitts' Aufruf unterstützt.
Die Berlinale war im vergangenen Jahr Ausgangspunkt für den Streit zwischen Panahi und dem iranischen Regime. Dem Regisseur wurde die Ausreise zu einer in Berlin vom World Cinema Fund organisierten Diskussion über die Situation des Kinos im Iran verweigert. Nach dem Festival, am 1. März 2010, wurde Panahi verhaftet und erst nach einem Hungerstreik, der von Protesten namhafter Filmregisseure wie Steven Spielberg, Abbas Kiarostami oder Robert Redford begleitet wurde, wieder freigelassen. Die Berlinale berief ihn daraufhin in die Jury für das nächste Festival. Aber am 20. Dezember ist der fünfzigjährige Regisseur von einem Gericht in Teheran zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und zwanzigjährigem Berufsverbot verurteilt worden - wegen der ihm unterstellten Absicht, einen Film über die Präsidentenwahlen von 2009 und die darauf folgenden Ausschreitungen zu drehen.
Es ist diese Begründung, die Pitts besonders empört: "Noch nie in der Geschichte des Kinos wurden Filmemacher verurteilt, ohne einen Film gedreht zu haben, sondern nur weil sie vorhatten, einen Film zu drehen." Damit hat das Regime eine Grenze überschritten, die Pitts selbst bei der letztjährigen Diskussion auf der Berlinale, an der Panahi nicht teilnehmen konnte, noch gewahrt sah. Damals hatte er die Aussage des mitdiskutierenden Dokumentarfilmers Reza Haeri, als Iraner lebe man im Horror, noch vehement bestritten. Filmemacher, so meinte Pitts damals, hätten dank neuer billiger Technik als Ausweg immer noch den Untergrund. Hauptsache sei, dass man eine eigene Handschrift ausbilde, als Regisseur repräsentiere man nie sein Land. Das einzige Mittel, dass der Regierung bleibe, sei dann eben die Zensur.
Heute ist klar, dass sie noch andere Mittel hat - und keine Skrupel, sie gegen die einheimischen Filmemacher anzuwenden. Wobei man daran zweifeln kann, ob Rafi Pitts vom Regime überhaupt noch als iranischer Bürger betrachtet wird, denn der Regisseur lebt seit einigen Monaten in Paris, nachdem er auf der letztjährigen Berlinale seinen Spielfilm "Zeit des Zorns" im Wettbewerb gezeigt hatte. Er erzählt von einem Mann, der nach dem Tod von Frau und Kind auf einer Demonstration privat Rache übt - denkbar offene Kritik an den Zuständen im Iran zur Zeit der gescheiterten Grünen Revolution.
Kein Wunder also, dass Pitts nach der Berlinale nicht in seine Heimat zurückgekehrt ist. Kein Wunder auch, dass er nun massiv zum Widerstand gegen die Unterdrückung aufruft. Seine noch im vergangenen Jahr auf der Berlinale gehegte Hoffnung, die Erneuerung werde aus dem Iran selbst kommen, hat sich nicht erfüllt. Sein Pariser Exil ist die notwendige Konsequenz. Nur von dort konnte er straffrei zum Protest am 11. Februar aufrufen.
Ob die Berlinale den Ruf gehört hat? Am 22. Dezember hatte sie in einer Presseerklärung die Urteile gegen ihr Jurymitglied Panahi und gegen Rasulof "aufs Schärfste" verurteilt. Man kann sich schon denken, wie da die Knie der Mullahs zu schlottern begannen. Vorgestern, am Tag des Interviews mit Rafi Pitts in der "tageszeitung", verschickte das Festival die Pressemitteilung, man habe einen neuen Wasserpartner gewonnen. Seitdem herrscht Stille. Hoffentlich auch am 11. Februar von 12.30 bis 14.30 Uhr auf den Leinwänden und in den Pressekonferenzen der Berlinale. ANDREAS PLATTHAUS