28.12.2009 · Neubauplan: Florenz will sein Stadttheater verkaufen
ROM, Ende Dezember
Noch ist kein Käufer gefunden, und der Bürgermeister von Florenz, Matteo Renzo, macht sich Sorgen. Seit Wochen wirbt er als Chef des Stadttheaters um Interessenten, aber beim ersten Termin zur Versteigerung am 17. Dezember um 10 Uhr kam niemand. Bisher will keiner das Opernhaus am Corso aus dem neunzehnten Jahrhundert, auch wenn der Käufer mit dem Gebäude machen kann, was er will. Seitdem selbst Abu Dhabi rote Zahlen schreibt, bangt Renzo um den Neubau für das Musikfestival Maggio Musicale. Auch dieses Festival, das seit 1931 nach Florenz lockt, soll vom alten Haus in den Neubau an die Porta a Prato umziehen. Doch den kann Florenz nur finanzieren, wenn es für die 24 400 verkauften Quadratmeter mindestens 45,5 Millionen Euro erhält. Etwas mehr als die andere Hälfte sollen der Staat und die Provinz Florenz beisteuern.
Zur Beruhigung: Es geht nicht um das Teatro della Pergola, das seit bald vierhundert Jahren seine Besucher entzückt, wo Antonio Vivaldis Opern ihre Uraufführung erlebten und Wolfgang Amadeus Mozart erstmals italienische Ohren erreichte. Aber auch das Stadttheater schrieb Geschichte; erlebte Triumphe von Bruno Walter oder Kurt Furtwängler. Maria Callas gab hier ihr Debüt. Der geplante Verkauf der alten Hülle ist also ein Einschnitt. Der französisch-italienische Opernregisseur Denis Krief findet freilich, das Gebäude sei "nie ein gutes Theater" gewesen. "Der Bau ist kein Schmuckstück, und die Akustik ist schlecht." Vielleicht hat endlich einer die Idee, ein "Theater wirklich für Theater zu bauen", so wie Richard Wagner in Bayreuth. Früher seien Theater und Oper Stolz von Stadt und Bürger gewesen. "Heute herrscht Distanz zwischen Bürger und Bühne. Vor allem die Manager haben Angst, das Publikum zu überfordern." So bleibe es beim alten Angebot von Traviata bis Carmen, wie jüngst in Mailand, jeweils in zaghaft neuem Gewand.
Wer sollte auch mehr bezahlen, fragt Carlo Sazio vom Kulturministerium in Rom, der die Theaterschulden verwaltet. Wegen finanzieller Belastungen sei letzthin gerade das Haus in Florenz für ein Haushaltsjahr einem Kommissar unterstellt gewesen. Die großen Opernhäuser von der Scala in Mailand bis zur Oper Massimo in Palermo würden etwa zur Hälfte über einen Staatsfonds finanziert. Den Rest müssten Häuser und Kommunen aufbringen. Das Geld reiche jedenfalls nicht, findet Regisseurin Rita Tamburi. Die großen Aufführungen würden im Fernsehen produziert und im Ausland. Das Publikum klebe am Fernseher, und die Schauspieler folgten ihnen und spielten lieber in Fernsehserien.
Das beklagt auch Pino Strabioli, der selbst diesen Weg geht und in Rai Tre bei seiner Sendung "Prima" mit Zeitzeugen das "alte intellektuelle Unterhaltungstheater" aufleben lassen will. "Das Niveau einer Zivilisation zeige sich auch an der Zahl der Theater", zitiert er Präsident Giorgio Napolitano und setzt fort: "Italien hat es seit Gründung des Nationalstaats im neunzehnten Jahrhundert schwer. Erst lähmte der Papst, dann Mussolini und heute Berlusconi die Kultur. Politik und Fernsehen veröden den Geschmack." Ist das nicht das beste Argument dafür, endlich das Theater von Florenz zu kaufen, um darin einen Konsumtempel mit Touristenkitsch und Imbissbuden einzurichten? JÖRG BREMER