10.07.2008 · Keine anderthalb Jahre mehr, dann sind Essen und das Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt. Doch was denken eigentlich die Einheimischen über das, was da auf sie zukommt? Welche Erwartungen, Wünsche, Auswirkungen verbinden sie ...
Keine anderthalb Jahre mehr, dann sind Essen und das Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt. Doch was denken eigentlich die Einheimischen über das, was da auf sie zukommt? Welche Erwartungen, Wünsche, Auswirkungen verbinden sie mit dem pausenlosen Großereignis? Darauf gibt es erste Antworten, denn das Kulturpolitische Institut der Universität Hildesheim hat dazu, in Zusammenarbeit mit einem Meinungsforschungsinstitut, im Auftrag der Ruhr 2010 GmbH eine Umfrage durchgeführt. Siebenundsechzig Prozent der Bevölkerung, so ihr erstes Ergebnis, haben schon mal etwas von der "Kulturhauptstadt 2010" gehört. Na, immerhin, wo die Werbetrommel erst im Herbst richtig heißlaufen soll.
Die Einheimischen - eintausendfünfhundert Personen zwischen Wesel und Fröndenberg wurden befragt - durften Noten wie in der Schule geben und die Region nach verschiedenen Aspekten bewerten. Die "Kultur" bekam eine 2,3 und landete auf Platz fünf - hinter "Verkehrsanbindung", "Sport", "Einkaufen", "Menschen" und noch vor der "Freizeit", "Landschaft" oder gar "Tourismus" und "Arbeit". Dreiundfünfzig Prozent sagten "ja" auf die - tatsächlich so gestellte - Frage, ob "Kultur wichtig ist für die Gesellschaft", doch nur neununddreißig Prozent bezeichnen sich selbst als "kulturaffin". Schon identifizieren sich einundzwanzig Prozent seiner Einwohner mit dem Ruhrgebiet statt - wie immer noch fast vierzig Prozent - nur mit "ihrer" Stadt. Und wie viele eigentlich eher mit S 04 oder BVB 09? Aber das wurde nicht abgefragt.
Die Ruhrgebietler, so Projektleiterin Vera Timmerberg, "geben auch viele Hinweise auf Sehenswürdigkeiten, glauben aber kaum, dass die dem Eiffelturm standhalten oder Menschen aus Bayern Zechen besichtigen". Der wachsende Stolz auf die Region hat den tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex noch nicht ganz getilgt: Dass die Zeche Zollverein in Essen mit der anderen Weltkulturerbestätte Schloss Augustusburg in Brühl mithalten kann, wird keineswegs für selbstverständlich gehalten. Die Revier-Bewohner kennen ihre kulturellen Imageträger Ruhrfestspiele (54,8 Prozent), Ruhrtriennale (48,1), Extraschicht (48,1) und Klavierfestival (43,9), aber sehr viel populärer ist die Loveparade (91,1), die hier erst zum zweiten Mal - am 19. Juli in Dortmund - stattfindet.
Was aber heißt das alles für das Programm der Kulturhauptstadt? Oliver Scheytt, der Essener Kulturdezernent und Geschäftsführer von "Ruhr 2010", fühlt sich in seiner Vorbereitung "absolut bestätigt": Das Revier soll zusammenwachsen, die Menschen wollen, so schlussfolgert er, die Metropole Ruhr. Doch seien sie "mit dem Flair des Ruhrgebiets unzufrieden", ergänzt Birgit Mandel von der Universität Hildesheim, wünschten sich hier Veränderung und hätten "Sehnsucht nach urbanem Lebensgefühl und einem Leben im öffentlichen Raum".
Wenn die Kulturhauptstadt das alles leisten soll, droht die Kunst unter die Räder zu kommen. Noch ist nicht abzusehen, ob das Programm die Erwartungen und Wünsche des Publikums nur zu bedienen versucht oder ob es auch seine Neugier wecken will. Noch rangiert die Kultur mehr als Instrument von Stadtentwicklung und Strukturwandel, als dass sie als Eigenwert ernst genommen würde. ANDREAS ROSSMANN