08.07.2009 · Nicht der Autor wählt seine Stoffe, sie wählen ihn: Uwe Timm erläutert in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen, was ihn zum Schreiben treibt.
Also fangen wir an." Mit diesem kurzen Satz beginnt Uwe Timm zu erzählen: von sich und seinen Texten, von Lektüren, Erinnerungen und seinem Verhältnis zur jüngeren deutschen Geschichte. Auch wenn dieser Satz wie eine lapidare Übergangsfloskel klingt, so hat Uwe Timm ihn keinesfalls spontan ausgesprochen. Denn präzise benennt er nicht nur die Situation, sondern auch das Thema von Timms erster Frankfurter Poetikvorlesung. An fünf Abenden sprach der neunundsechzig Jahre alte Autor in diesem Sommersemester über Anfang und Ende seines dichterischen Schreibens - manchmal ähnlich gekonnt schnörkellos, zumeist aber in kunstvoll zurechtgelegten Sätzen, die von derselben exakten und handverlesenen Schönheit waren wie die seiner Romane, Erzählungen und Kinderbücher. Uwe Timms Vorträge im überfüllten Hörsaal begannen stets mit einem kollektiven Schmunzeln der mehr als sechshundert Zuhörer, die wie der Gastdozent überwiegend um das Jahr 1968 studiert haben dürften.
Woher nimmt der Autor seine Worte, und wie bringt er sie so zu Papier, dass sie sich zu einem literarischen Text zusammenfügen? Seit fast fünfzig Jahren erläutern Schriftsteller, als Erste Ingeborg Bachmann und zuletzt Werner Fritsch, in den Poetikvorlesungen, was sie beim Schreiben antreibt. Uwe Timm begann mit einem kleinen Grundkurs über den ersten Satz: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", zitierte er das erste Buch Mose, nicht nur der Analogie zwischen Schöpfungsakt und kreativen Schreibprozessen wegen, sondern um zunächst am Beispiel der Bibel, später anhand von Goethes "Wahlverwandtschaften" und Camus' "Pest" zu zeigen, wie der Glaube erzählerische Brüche kittet: "Der Leser gibt Texten Kredit und sieht über kleine Macken hinweg." Gelungene erste Sätze, so Timm, sind vor allem imperfekte Sätze, die zur Geschichte hindrängen.
Doch weil vor dem Schreiben die Idee kommt, forschte Timm von der zweiten Vorlesung an nach "Urknall-Erlebnissen" am eigenen Schreibtisch, nach "Anstößen" und "Fundsachen" und beschrieb dabei seine Schreiberfahrungen anhand autobiographischer Anekdoten als Wechselbad zwischen Inspiration, Recherche- und Erinnerungsprozessen, Improvisieren, Phantasieren und Stagnation. Verworrene Arbeitssituationen, etwa als ihm sein angefangener Roman "Der Schlangenbaum" (1986) über einen irregehenden deutschen Ingenieur in Südamerika fremd wurde, entwirrten schließlich die Ablenkungen und Zufälle des Alltags. Seine Mutter erzählte ihm von einem Onkel, der Hochrad fuhr, und Timm legte prompt das "Schlangenbaum"-Manuskript zur Seite, um den Roman "Der Mann auf dem Hochrad" (1984) zu schreiben. Dieses "Nachspüren in der eigenen Geschichte" habe ihn wieder bereit für den Ingenieur gemacht: "Der Autor wählt seine Stoffe nicht, sie wählen ihn."
Wie ausschlaggebend Timms persönliche Erlebnisse für sein Schaffen sind, zeigte sich besonders in seinen Reflexionen zu den beiden autobiographischen Erzählungen "Am Beispiel meines Bruders" (2003) und "Der Freund und der Fremde" (2005). Schreiben, so Timm, sei auch immer ein "Dialog mit sich selbst", das die Vergangenheit brauche, um bewusste Erinnerungsprozesse zu fördern, deren Sinnhaftigkeit sich erst dann erschließe. In den Texten über seinen Freund Benno Ohnesorg und seinen Bruder, der sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision meldete und in der Ukraine fiel, habe er schreibend versucht, sich auch an Vergessenes zu erinnern - durch Selbstbefragung und Assoziation. Die Wörter funktionierten hier als "Treibsatz der Erinnerung", um das einmal Empfundene aufs Neue zu mobilisieren. Der Schreibende wie der Lesende kann sich so als ein anderer erfahren.
Ähnlich den Studenten, die in seinem ersten Roman "Heißer Sommer" (1974) die Hamburger Statue des Kolonialisten Wissmann stürzten, um die deutsche Kolonialgeschichte in Erinnerung zu rufen, geht es dem Autor in seinen Texten um "Denkmalstürze" mit literarischen Mitteln. "Kunstwerke lassen sprechen, was die Ideologie verbirgt", bezog sich Timm auf Adorno. Als "zeitgenössische Form des Nachdenkens" könne der Roman Geschichte neu interpretieren - "und das auf eine lustvolle Weise". Wohin dies allerdings führe, weiß Timm zu Beginn nicht genau. Das Schreiben hat für ihn vielmehr etwas Spielerisches: dem finalen "Ja" gingen viele "Neins" voraus, bis sich das Ende des Romans zwangsläufig ergebe.
Ähnlich wie Timms jüngster Roman "Halbschatten" (F.A.Z. vom 7. Juli), in dem das abendliche Schließen des Tores einen Rundgang über den Berliner Invalidenfriedhof und durch die deutsche Geschichte von Friedrich II. bis zu den Nationalsozialisten beendet, endeten auch die Poetikvorlesungen mit einem Torschluss. Auf Uwe Timms sehr persönlich und packend erzählte Bilanz seines bisherigen Schaffens folgte der Abschied vom Hörsaal VI. Timms abschließende Lesung einer Hörsaalszene aus "Heißer Sommer" als Reverenz an den treibenden Ort der Frankfurter Studentenbewegung markierte jedoch nur das Ende eines Kapitels - die Poetikvorlesungen werden im Herbst auf dem neuen Campus Westend fortgesetzt. MARGUERITE SEIDEL