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Türkisches Roulette

04.01.2010 ·  Aydin Dogan geht und wechselt zuvor noch den Chefredakteur von "Hürriyet" aus

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Der türkische Ministerpräsident hat gewonnen. Jedenfalls im Moment: Aydin Dogan, Chef der mächtigen türkischen Mediengruppe Dogan Yayin Holding, hat nach langer Auseinandersetzung mit der türkischen Regierung die Führung seines Firmenimperiums abgegeben: Seit dem 1. Januar steht Arzuhan Dogan Yalcindag, die Tochter des Patriarchen, an der Spitze des Konzerns.

Die von der türkischen Regierung um Aydin Dogan gelegte Schlinge war in den vergangenen Monaten immer weiter zugezogen worden (F.A.Z. vom 15. Oktober 2009): Im Februar 2009 hatte die türkische Finanzbehörde gegen den Medienkonzern zunächst eine Steuerstrafe von umgerechnet etwa 400 Millionen Euro verhängt. Im September folgte eine weitere Strafe von 1,8 Milliarden Euro. In der vergangenen Woche leitete die Staatsanwaltschaft dann auch noch ein Strafverfahren gegen Aydin Dogan ein, bei dem es um angebliche Verstöße gegen die Kapitalmarktvorschriften geht - dass die Salve an Strafverfahren vielleicht irgendwann ein Ende nehmen könnte, war nicht abzusehen und zwang Aydin Dogan in die Knie.

Die geforderten Summen entsprechen dem Fünffachen des aktuellen Börsenwerts des Medienkonzerns und bedrohen nicht nur dessen Existenz - sie kommen einer Konfiszierung gleich. Die Strafen haben zudem einen persönlichen Hintergrund. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat schon lange keinen Hehl mehr daraus gemacht, wie sehr ihn die Kritik von Dogan-Zeitungen wie "Milliyet", "Radikal" und "Hürriyet" stört - als diese über einen Korruptionsfall im Dunstkreis der Regierungspartei AKP berichteten, rief der Ministerpräsident sogar zum Boykott der Dogan-Medien auf.

Seit Monaten hatte in der Türkei die Gerüchteküche gekocht, wie der Dogan-Konzern reagieren würde und wie es Aydin Dogan gelingen könnte, sein Lebenswerk zu retten. Er werde bis auf "Hürriyet" alle Blätter verkaufen, war in den Redaktionen der Dogan-Zeitungen gemunkelt worden. Gegen Ende des Jahres hieß es dann, er ziehe sich ganz aus dem Geschäft zurück.

Der Wechsel an der Führungsspitze von Dogan-Medien kam deshalb in der Türkei nicht überraschend. Arzuhan Dogan Yalcindag war zuletzt Vorsitzende des einflussreichen türkischen Unternehmerverbandes Tüsiad und davor Geschäftsführerin der Dogan-Fernsehsparte. Das Unternehmen solle nun umstrukturiert werden, um "starke ausländische Beteiligungen zu ermöglichen", hieß es in einer Mitteilung des Vorstands. Damit konzentriert sich das Interesse jetzt auf die Pläne der Axel Springer AG, die schon fünfundzwanzig Prozent an der Fernsehsparte des Unternehmens hält und eine weitere Beteiligung an der Medienholding anstrebt - wegen der politischen und steuerrechtlichen Turbulenzen lagen die Verhandlungen zuletzt jedoch auf Eis.

Schockiert reagierte man in der Türkei dagegen darauf, dass Aydin Dogan als letzte Amtshandlung noch den Chefredakteur von "Hürriyet", dem politischen Flaggschiff von Dogan-Medien, seines Postens enthoben hat. Ertugrul Özkok stand seit dem Jahr 1990 an der Spitze von "Hürriyet" und gilt als einer der schärfsten Kritiker der AKP-Regierung. Ihn abzuziehen, sehen viele türkische Medienbeobachter als ein zu großes Zugeständnis an die türkische Regierung an. Sie werten den Schritt außerdem als ein Zeichen, dass sich künftig die politische Linie der Dogan-Zeitungen insgesamt ändern werde. Der Nachfolger von Özkok wird Enis Berberoglu, der bisherige Bürochef von "Hürriyet" in Ankara. Berberoglu hat einen Ruf als Liberaler. Was mit den auflageschwächeren Zeitungen des Konzerns wie etwa der linksliberalen "Radikal" passieren wird, ist ungewiss. "Wenn ein Stein aus der Mauer gelöst ist, fallen auch bald die anderen", fürchten Beobachter. KAREN KRÜGER

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