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Triumph der Niederlage

08.06.2009 ·  Ciorans Bekehrung vom Faschismus zu Frankreich

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Der Verleger lehnt für den Inhalt jegliche Verantwortung ab und warnt den Leser: Zwei neue Bücher und ein dickes Heft der Zeitschrift "Cahiers de l'Herne" (Band neunzig) sind mit entsprechenden Hinweisen ausgeliefert worden. Die Bände enthalten eine "Apologie des Nazismus" und Textstellen, die siebzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung gegen den Rassismusparagraphen verstoßen. Die Herausgeber berufen sich auf ihre "Bedeutung für die historische Debatte". Es handelt sich um die frühen Schriften des Philosophen Emile Cioran, der 1995 als Staatenloser in Paris verstarb. Seit Jahren hatte man auf sie gewartet. Der "Figaro littéraire" publizierte einen Vorabdruck und interviewte Alain Finkielkraut. "Als Cioran Hitler bewunderte", titelte "Le Nouvel Observateur" - die Rezension schrieb Philippe Sollers.

Emile Cioran wurde 1911 in Rumänien geboren, in einem kleinen Dorf ohne Stromversorgung. Er hat diese tumbe Herkunft in Interviews immer wieder erwähnt. Seit längerem war bekannt, dass er in seiner Jugend Sympathien für den Faschismus hatte, wie so viele seiner Zeitgenossen. Und wie viele bedeutende französische Denker, die nach 1945 schwiegen: Maurice Blanchot zum Beispiel. Bei Cioran, der den Faschismus mit dem zivilisatorischen Fortschritt gleichsetzte, geht es nicht um das Verdrängen einer Jugendsünde: Der Ekel und die Scham angesichts seiner frühen Schriften haben das gesamte Werk des "unpolitischen" Pessimisten, Stilisten, Aphorismen-Dichters geprägt. Er schrieb über den Suizid und hielt die Geburt für die erste Katastrophe jeder Existenz.

Im Herbst 1933 kam Cioran, der in Bukarest studierte und Mitglied der Eisernen Garde war, mit einem Stipendium nach Berlin. Er ist voller schwärmerischer Bewunderung für das, was er sieht: "Ich begeistere mich hier sogar für die politische Ordnung", schrieb er an Mircea Eliade. Er besuchte München und unternahm von Berlin aus eine Reise nach Frankreich. Nach seiner Rückkehr in die Heimat veröffentlicht er sein erstes Buch: "Auf den Gipfeln der Verzweiflung". Das zweite trägt den Titel "Das Buch der Illusionen". Ihnen folgt 1936 "Die Verklärung Rumäniens".

Der Französischen und der Russischen Revolution hält er darin "die einzig authentischen Revolutionen" in Italien und Deutschland entgegen. "Der Faschismus hat für Italien mehr geleistet als mehrere Jahrhunderte politischer Entwicklung", schreibt er. Aber noch viel bedeutender sei Hitlers Nationalsozialismus, was er mit der "Größe des deutschen Volks" begründet. "Kein zeitgenössischer Politiker ist so sympathisch und bewundernswürdig wie Hitler", schreibt Cioran.

Er lobt auch den Antisemitismus. Den Tod des rumänischen Faschistenführers Codreanu in der Haft vergleicht er mit jenem von Jesus. Die ersten beiden Bücher Ciorans wurden seit langem in der Bibliographie seiner Werke erwähnt. "Die Verklärung Rumäniens" blieb dem weltweit verehrten Philosophen ganz besonders peinlich. 1990 wurde sie in Rumänien neu aufgelegt - teilweise. Und mit einem Vorwort des Autors, der seine Selbstzensur damit erklärte, dass er es für seine Pflicht halte, dem Leser die übelsten Seiten seiner Dummheit und Anmaßung zu ersparen.

Dieses Werk ist jetzt vollständig ins Französische übersetzt worden: "La transfiguration de la Roumanie" (Editions de l'Herne). Es ist keine faschistische Literatur, wie sie Céline, Brasillach oder Rebatet schrieben. Ciorans "Verklärung" illustriert die vielfachen Einflüsse, denen er ausgesetzt war. Auch sein Hang zum Nihilismus und Anarchismus sind hier bereits angelegt. In der Zeitschrift werden diese Aspekte sorgfältig analysiert und eingeordnet.

Nach Frankreich kam Cioran als Kulturattaché seines Landes in Vichy. Er übte das Amt nur kurze Zeit aus. Unter der deutschen Besatzung bekehrt er sich vom Faschismus zur französischen Sprache - und zur Kultur der Niederlage. Auch dem Antisemitismus schwor er lange vor dem Ende des Krieges ab. 1941 schrieb er sein erstes Buch auf Französisch. Dieses Manuskript ist jetzt ebenfalls erstmals gedruckt worden: "De la France". Die kleine Schrift erweist sich als herrliches Frankreich-Brevier, ohne Angst vor Klischees, Vor- und Pauschalurteilen. Cioran erklärt zum Beispiel, warum Frankreich ein Land der Literatur, nicht aber der Musik ist. Philippe Sollers hat nach der Lektüre der Zeitschrift und der Neuerscheinungen Ciorans philosophische Schriften wieder gelesen. Er macht in ihnen eine "heilsame Säure", die alles zersetzt, aus: "Dieser luzide Nihilist kapitulierte nur vor der Musik von Bach, die ihn beinahe zum Glauben gebracht hätte. Aber er glaubte nicht an Gott, sondern an den Teufel, und das hat ihn daran gehindert, sich zum Buddhismus zu bekehren." Alain Finkielkraut lobt Ciorans Schreiben als Prozess der lebenslänglichen Loslösung von den Totalitarismen und situiert den vielleicht größten französischen Stilisten des zwanzigsten Jahrhunderts in der Tradition der Moralistik: "Moralisten sind nicht Schriftsteller, die eine Moral verbreiten. Sondern eine schmerzhafte Wahrheit formulieren." JÜRG ALTWEGG

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