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Veröffentlicht: 01.10.2010, 15:55 Uhr

Ständige Vertretung

Lange waren Verlagsvertreter die unheimliche Macht im Buchhandel. Was sie im Koffer hatten, konnte zum Bestseller werden. Doch das Geschäft hat sich gewandelt. Heute müssen sie sich selbst bewerben. Von Julia Encke

Auf den ersten Blick sieht alles nach einer ganz normalen Konferenz aus an diesem Septembermorgen im Berlin Verlag. Sehr förmlich oder elegant angezogen jedenfalls ist niemand. Die Stimmung ist angespannt, aber heiter. Broschüren, Mappen und Notizblöcke stapeln sich überall, während, hinter überproportional vielen Brillengläsern, die Blicke der Konferenzteilnehmer auf die Verlegerin an der Mitte des Tisches gerichtet sind: "Das stimmt schon", sagt Elisabeth Ruge. "Es ist gar keine Übertreibung. Man kann Lorrie Moore durchaus den weiblichen Jonathan Franzen nennen." Ein Tuscheln geht durch die Sitzreihe. Köpfe nicken. Hände notieren sich das Stichwort. Lorrie Moore ist eine amerikanische Schriftstellerin. Ihr nächstes Buch wird im Frühjahr beim Berlin Verlag erscheinen.

Erst da merkt man, dass es ja gar keine Runde ist, die hier tagt. Eher ist es eine Art Gegenüberstellung, eine Konfrontation: Auf der einen Seite des Tisches sitzen die Mitglieder des Verlags, auf der anderen eine lange Reihe von Vertretern, die das Verlagshaus im Buchhandel repräsentieren. Man hat viel gehört von der Macht dieser Vertreter. Wenn sie die geplante Gestaltung eines Buchcovers oder Titels ablehnen, weil sie glauben, diese so nicht verkaufen zu können, müssen neue Ideen her. Autorenwünsche können nicht mehr berücksichtigt werden. Lektoren stehen unter Strom. Vertreter, heißt es, seien diejenigen, die Einfluss darauf haben, was im Verlagsprogramm zum Spitzentitel gemacht wird. Was hohe Auflagen bekommt und ein großes Marketingbudget. Haben sie das Vertrauen der Händler, können sie mit ihren Empfehlungen in manchen Fällen sogar Bestseller machen.

Zumindest war das bisher so. "Braucht man Buchhandelsvertreter überhaupt noch?", wird seit ein paar Jahren in der Branche gefragt. Zwei große Kettenbuchhandlungen und ein kleines Verlagshaus in der Schweiz verzichten bereits auf ihre Dienste. Ist da ein Beruf im Verschwinden begriffen? Stirbt eine Art aus? Oder sind die althergebrachten Vertriebsstrukturen in Verlagswesen und Buchhandel auch verkrustet und in mancher Hinsicht wenig geeignet für die Veränderungen, die sich auf dem Buchmarkt vollziehen?

Am Konferenztisch meldet sich ein Vertreter mit graumeliertem Vollbart zu Wort. Raphael Pfaff steht auf dem Namensschild vor ihm: "Können wir am Text der Verlagsvorschau da unten auf der Seite noch etwas ändern?" Klar, das sei kein Problem. Dann geht es weiter im Text. Weiter mit den Referaten der Bücher für das kommende Frühjahr.

Im Grunde funktioniert der Kreislauf der Buchmacher und Vermarkter so: In der Vertreterkonferenz erzählen Verleger und Lektoren ihren Buchhandelsvertretern zweimal im Jahr, wovon die Bücher handeln, an deren Fertigstellung sie gerade arbeiten, was der springende Punkt ist und wieso sie so toll sind. Titel-, Cover- und Marketingfragen werden debattiert. Der Verlag verschickt Kataloge und Vorabexemplare ausgewählter Bücher an die Buchhandlungen. Und dann rücken mit ihren Autos in den verschiedenen Regionen des Landes die Vertreter an. Sie fahren zu Buchhändlern und übernehmen selbst die Rolle derer, die neue Bücher anpreisen. Im glücklichsten Fall ist das ein Erzählreigen wie bei Tausendundeine Nacht. Im schlimmsten eine Kette nicht enden wollender, sehr öder Inhaltsangaben.

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