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Schichtkunst

06.01.2009 ·  Kultur für alle ist soziologisch ein Irrtum

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Die Bereitschaft zur Teilhabe an Kultur hat etwas mit Bildung zu tun. Das ist eigentlich jedem, auch dem Ungebildeten, klar. Trivial erscheint der Befund, dass mehr Bildung die Neigung zum Besuch von Kunst, Museen und klassischen Konzerten deutlich verstärkt, weswegen eine Trennung von Bildung und Kulturinteresse fast künstlich erscheint. Weniger trivial ist dagegen die ganz bildungsunspezifische Erwartung an alle, sich der hierzulande jährlich mit rund acht Milliarden Euro öffentlich subventionierten Kultur zumindest nicht ganz zu verweigern. Entsprechend wird von den Kulturschaffenden erwartet, dem Ziel einer möglichst hohen Publikumsteilnahme an Kultur gerecht zu werden.

Soziologische Studien, die den Erfolg beider Erwartungen bestätigten, dürften mit größter Aufmerksamkeit rechnen. Es gibt sie aber nicht. Auch wenn die absoluten Zahlen der Kulturkonsumenten steigen, zeigen die Ergebnisse jüngster Untersuchungen das alte Bild: Trotz aller Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen sind die oberen Bildungsschichten im Kunstkonsum deutlich überrepräsentiert (Reinhard Bachleitner und Mynda Schreuer: "Kunstkonsum und Kunstsozialisation", Österreichische Zeitschrift für Soziologie 3/2008). Nur die Besucher der großen Museen und massenwirksamen Ausstellungsevents kommen aus allen Bildungsschichten. Die Öffnung des Kulturbetriebs, so das Fazit der Autoren, ist folglich nur eine quantitative, keine "soziale oder bildungsbezogene". Es steigt die Nachfrage nach Kultur also nur schichtspezifisch.

Man könnte es nun bei der Feststellung belassen, dass Länder mit einem wachsenden Anteil funktionaler Analphabeten unter ihren Schülern andere Sorgen haben als die Frage, warum diese Schüler so wenig Interesse zeigen an Max Ernst oder Anselm Kiefer. Nicht so die Kultursoziologie. Sie muss in der sozialen Schichtung der Kulturkonsumenten mehr sehen: einen Mangel, ein Versagen und darum einen öffentlichen Auftrag. Die soziale Öffnung des Kunstsektors, mahnen die Autoren, ist bis heute eine Chimäre und ein nicht realisiertes politisches Postulat.

Die Ergebnisse ihrer Studie stützten daher die "Notwendigkeit von Bildungsoffensiven" - vermutlich so lange, bis die soziale Schichtung des Kulturkonsums unter ihre soziologische Nachweisbarkeitsgrenze gesunken ist. Am Kulturkonsum ließe sich dann endlich nachweisen, was zu den hartnäckigsten Wünschen der modernen Gesellschaft gehört: dass mehr Bildung tatsächlich zu weniger sozialer Schichtung führt, dass Bildung also einen egalisierenden Effekt hat. Ein Blick in die Ergebnisse der soziologischen Bildungsforschung dürfte aber genügen um sich von dieser Erwartung zu verabschieden. Gerade das Bildungssystem, muss man feststellen, ist selbst eine Quelle sozialer Unterschiede, sei es an Status, an Einkommen oder an Lebenserwartung.

Aber sind Unterschiede im Kunstkonsum ebenfalls wirklich solche sozialen Unterschiede? Stecken dahinter nicht individuelle Entscheidungen? Ist hier nicht das Individuelle gerade das Soziale am Kulturkonsum? Bildung, so die Autoren, habe den Auftrag zu einer "ästhetischen Erziehung". Bildung soll die individuelle Fähigkeit erzeugen, sich für Neues aufgeschlossen zu zeigen. Man könnte es das Risiko der Erfahrung nennen - im emphatischen Sinne einer Konfrontation mit Fremdem und Nichtzugänglichem, also eigentlich Nichtkonsumierbarem. Ästhetische Erziehung ließe sich daher auch als die Einübung in die Freiheit zum Interesse an Kultur beschreiben.

Zum Wesen dieser Freiheit gehört aber auch, sich nicht für Kultur interessieren zu können. Die Gründe dafür können vielfältigster Art sein. Wer sich aus Zwang oder Gewohnheit oder schichtkonventionellem Verhalten für Kunst interessiert, verhält sich jedenfalls nach ihren eigenen Begriffen falsch. Die Teilnahme an Kultur ist im Unterschied zu Besuch der Schule freigestellt. Sollte sich die Soziologie im Auftrag der Gesellschaft dann wundern, dass diese Freiheit in Anspruch genommen wird? Aus guten Gründen kennt die moderne Gesellschaft die allgemeine Schulpflicht, aber keine allgemeine Kulturpflicht. Es gibt nur eine gemäßigte Präferenz der Gesellschaft für Teilnahme daran - gemäßigt insofern, als Kulturkonsum auch nicht gerade zu exzessivem Unterrichtsausfall oder gar Arbeitsunfähigkeit führen sollte.

Wenn die Soziologie im Vorwurfston dieser Studie eine "Resistenz" des Kulturbetriebs gegenüber der Bildungsexpansion beklagt, wird sie auch dem Kultursystem nicht gerecht. Gehört es doch zum Selbstverständnis einer der Idee der Originalität verpflichteten Kultur, jedwede Konvention, Gewohnheit und Tradition abzustoßen und den gängigen Erwartungen gerade nicht zu entsprechen. Wer ein solches Selbstverständnis als elitär kritisiert, verkennt den Vorteil dieser Entkopplung: Erst sie ermöglicht es dem Kunstsystem, nach seinen eigenen Regeln zu arbeiten, ohne sich einer Kritik der Folgen dieser Freiheit stellen zu müssen. GERALD WAGNER

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