Home
http://www.faz.net/-1vs-15iel
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Schallplatten und Phono O Bächlein, sprich, wohin?

Jeder junge lyrische Tenor, ob er von der Oper kommt oder aus der alten Musik, landet irgendwann bei Franz Schuberts großen Lieder- zyklen: drei neue Versuche.

Jonas Kaufmann ist der Tenor der Stunde. Mit Partien wie Tamino und Florestan, Lohengrin und Parsifal ist er im lyrisch-dramatischen Fach angekommen. Aus der Einsicht, dass seine in den letzten Jahren deutlich dunkler gewordene Stimme bald zu reif sein könnte für den Liedgesang, hat er nun Franz Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" aufgenommen. In ihrer Grundstimmung ist dies eine Darstellung nicht aus lyrisch-darstellender, sondern aus identifikatorischer, theatralischer Perspektive. Kaufmann versteht die Texte als Erlebnisdichtung, die durch die Musik, wie aus dem im Beiheft abgedruckten Interview mit Thomas Voigt hervorgeht, psychologisch ausgedeutet wird. Wie aber sollte eine solche emotional grundierte Wortausdeutung in strophischen Liedern - es gibt deren acht - möglich sein?

In dieser Lesart geht ein "vor Energie und Selbstvertrauen" strotzender Müllersbursch auf die Wanderung, um die "Fallhöhe" seines Sturzes in Verzweiflung sichtbar zu machen. Doch in seinem Bemühen, "Freude und Schmerz" zum Ausdruck zu bringen, neigt Jonas Kaufmann zur Nachahmung der dargestellten Gefühle. Das führt zu sehnsüchtigem Seufzen (etwa in der Moll-Phrase "Hat sie dich geschickt" in Nr. 4: "Danksagung an den Bach") oder zu aufgesetzter Emphase, wenn der "Neugierige" vom Bächlein seiner Liebe ein "Ja" erhofft; und es führt weiter zum gefühlvollen oder klangmalerischen Reagieren auf Metaphern oder auch Stichworte oder gar zu tenoralen Ausbrüchen wie in "Ungeduld", "Mein!" und in den opernhaft zugespitzten Versen der letzten Strophen von "Die böse Farbe".

In ihrer affektiven Unmittelbarkeit wirken diese kleinen Protokolle unterschiedlicher Seelenzustände sentimental - anders als die "naive" Wiedergabe des Tenors Fritz Wunderlich, der nur eine Geschichte aus ferner Vergangenheit erzählte und das bewirkte, was Heine in den Vers fasste: "... wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei." Was den Gebrauch der sängerischen Mittel angeht, ist Kaufmann spürbar bemüht, tenorales Auftrumpfen zu vermeiden. Deshalb muss er des Öfteren die voix mixte einsetzen, gerade im Schlusslied, in dem er einmal mehr den Fehler begeht, das Mädchen ("Hinweg, hinweg, böses Mägdelein") wie der erbitterte Liebhaber anzusprechen; es ist aber ja doch des Baches Wiegenlied. In Helmut Deutsch hat Kaufmann einen differenzierten Klavierpartner, der es weitgehend vermeidet, die vielen vom Text gegebenen "Stichworte" klangmalerisch aufzunehmen.

Während es in "Die schöne Müllerin" eine Art von Handlung gibt, wenn auch ohne Dramaturgie, hat die "Winterreise" durch die vom Todesmantel des Schnees überzogene Landschaft bereits stattgefunden. Dieser Liederzyklus handelt von etwas Vergangenem. Es gibt Hinweise auf ein Mädchen, das von Liebe sprach, und auf eine Mutter, die schon an Heirat dachte. Danach folgen Andeutungen, Erinnerungen und Angstschreie, die das lyrische Ich dazu bringen, sich in sein Geschick zu fügen. Die Bewegungsart der Lieder ist durchweg "etwas langsam" oder "langsam" oder "sehr langsam". Dabei bringen die Wege den Wanderer nicht voran - sie führen ins Ausweglose. Und wenn die Nachspiele die Vorspiele wiederholen, entsteht der Eindruck, als sei nichts geschehen.

Selbst der Tod "geschieht" nicht. Er tritt auf als der in einem monotonen Kreislauf mit starren Fingern sein Instrument spielende "Leiermann". Über diese Art von Todesmusik heißt es bei Ernst Bloch: "Wie viel tiefe Musik hat ihr Dunkel, ja ihr Licht von diesem Ingrediens Todesnacht und brennt aus ihrem Schwarz eine andere als die sonst schon vorhandene Helle."

Mehr als 250 Einspielungen des Werks verzeichnet die Schubert-Diskographie (allein Dietrich Fischer-Dieskau ist, Mitschnitte eingeschlossen, dreiunddreißigmal vertreten). Mag der junge australische Tenor Steve Davislim mit seiner - (klangtechnisch exzeptionellen) Neuaufnahme auch nicht den Gipfel dieses größten aller Liederzyklen erklommen haben, so bietet er doch eine angenehme Überraschung. Davislim hat eine ausgeglichene, klangschöne Stimme mit einem soliden klanglichen Fundament, wie das resonante "D" im ersten Lied ("gehüllt in Schnee") zeigt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.02.2010, 16:45 Uhr