08.09.2008 · Offensiv: Angela Merkel besucht die Goethe-Zentrale
Man hat sie nicht verwöhnt in den letzten Jahren, die dreitausend Mitarbeiter des Goethe-Instituts (GI). Die Regierung Schröder ließ in Person ihres Außenministers Joseph Fischer von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ihr die auswärtige Kulturpolitik maximal ein Lippenbekenntnis wert war. Zwar besuchte Fischer die Münchner Zentrale, gab sich dort aber reserviert bis kaltschnäuzig. Sparrunden, Etatkürzungen und Institutsschließungen, die an Image und Selbstverständnis der Sprach- und Kulturvermittler kratzten, waren die Folge. Nichts hätte uninteressanter sein können als auswärtige Kulturpolitik, so schien es.
Diese Auffassung ist Vergangenheit. Und ausgerechnet die Globalisierung hat nachgeholfen: Alleinstellungsmerkmale - etwa, um sich als Bildungshochburg präsentieren zu können - brauchen auch glaubwürdiges Marketing, das auf Inhalte verweisen kann. Angela Merkels montäglicher Besuch in München war ein Signal mit Bekenntnischarakter. Ihr Auftritt war überzeugend, wohl auch, weil den warmen Worten bereits politische Absichtserklärungen vorausgegangen sind. Denn das Goethe-Institut bekommt im nächsten Haushalt wieder mehr Geld. Während das Budget des Auswärtigen Amtes um 2,5 Prozent angehoben wird, soll das GI überproportional mit 7,5 Prozent (das entspricht einer Gesamtsumme von mehr als siebenhundert Millionen Euro) bedacht werden. Kein Wunder, dass GI-Präsident Klaus-Dieter Lehmann jubilierte. Nach Jahren der Sparzwänge "können wir endlich wieder gestalten!"
Die Kanzlerin ist also in Sachen Kulturpolitik in die Offensive gegangen. Schon in ihrer wöchentlichen Video-Botschaft hatte sie dem Goethe-Institut mit Fanfarenstößen zugerufen: Dessen Arbeit werde immer wichtiger. Da diese jedoch in den Geschäftsbereich des Außenministers und nun auch künftigen Kanzlerkandidaten Steinmeier fällt, lag plötzlich ein Hauch von Chefsache in der Luft. Frau Merkel unterstrich diesen Anspruch in einer Grundsatzrede, in der sie ein Zitat Richard von Weizsäckers aus dem Ärmel zog - demzufolge sei Kultur der "Mischwald" einer Gesellschaft, der für frische Luft sorge. Das Goethe-Institut sei das Symbol für deutsche Kultur im Ausland.
Ihre Regierung sei absolut daran interessiert, ein "modernes und vielfältiges Bild" Deutschlands in der Welt zu präsentieren. Dazu zählt die Kanzlerin auch die Vermittlung jener universellen Werte, die "die Seele Europas" ausmachen: Freiheit und Toleranz. Im Zeitalter der Globalisierung sei eine Unterscheidung von Außen- und Innenpolitik häufig nicht mehr zu bewerkstelligen. Rückständige Gesellschaften übersprängen wegen der Möglichkeiten des Internets kulturelle Entwicklungen, wie sie Deutschland und Europa sich über Jahrhunderte hart abgerungen hätten. Beispiel: Das Frauenwahlrecht gelte bei uns als Selbstverständlichkeit; darüber werde gern vergessen, dass es erst - historisch lächerlich kurze - neunzig Jahre existiere.
Als zweiten großen Beitrag der Mittlerfunktion sieht Frau Merkel die Sprache selbst: "Goethes Sprache ist attraktiv." Aber man müsse sich um ihre Weiterentwicklung bemühen. Unlängst habe sie auf ihrer Bildungsreise eine Schule in Nordrhein-Westfalen besucht, in der ihr die Schüler "assessment reports" vorgelegt hätten - solchen Entwicklungen gelte es entgegenzuwirken, mahnte Merkel. Sie meine das "sehr, sehr ernst", sagte sie mit Blick auf die vielen Wirtschaftsberater und deren unstillbaren Hang, Denglisch zu reden.
Der dritten Pflock, den das GI eingerammt habe, sei das Netz von rund tausend Partnerschulen, darunter auch viele Krisen- und Aufbruchsregionen. Die Kanzlerin betonte in diesem Zusammenhang, aus ihrer Sicht befände sich Russland "nicht auf einem rein konfrontativem Kurs" gegen den Westen; es habe sich vielmehr noch keine Einigkeit darüber erzielen lassen, was mit dem Mauerfall eigentlich geschehen sei. Russland interpretiere einen Bedeutungsverlust, während seine ehemaligen Satelliten einen Freiheitsgewinn verbuchten. Sie ermunterte Klaus-Dieter Lehmann, die Präsenz des Instituts in Sibirien auszubauen. In Tomsk habe sie bei deutsch-russischen Konsultationen mit Wladimir Putin in der dortigem Universitätsbibliothek gesessen - umringt von deutschen Büchern: Russische Professoren waren gehalten, ihr Wissen regelmäßig durch Besuche an der Berliner Humboldt-Universität aufzufrischen.
Dem Vernehmen nach war die Visite in München die erste offizielle eines amtierenden Bundeskanzlers. "Auch wenn ich das gewusst hätte, wäre ich heute gekommen", sprach die Kanzlerin schlagfertig. Für die geballte kulturpolitische Prominenz war sie so für eine Stunde die Königin der Herzen. HANNES HINTERMEIER