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27.04.2010 ·  Literatur des Eigensinns: Die Buchmesse von Buenos Aires gibt einen Vorgeschmack auf den argentinischen Gastlandauftritt in Frankfurt.

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BUENOS AIRES, 27. April

Es gibt wohl kein zweites Land, dessen literarisches Selbstverständnis von einem Schriftsteller dominiert wird, der seit einem Vierteljahrhundert tot ist. "Dominieren" lässt sich die argentinische Literaturszene natürlich nicht leibhaftig, dafür ist der Eigensinn ihrer jüngeren Vertreter zu markant; doch als Lehrmeister, Aushängeschild und Mythos, ja selbst als touristischer Schwerpunkt für den anspruchsvollen Buenos-Aires-Besuch taugt Jorge Luis Borges (1899 bis 1986) in allen Lebenslagen. Und die Argentinier haben Glück: Wenn sie "Borges" sagen, meinen sie weder Engagement noch Politik, weder Haltung noch Messianismus. Sondern das Denken in der reinen Wörterwelt, das disziplinierteste Erzählen, das die Weltsprache Spanisch im vergangenen Jahrhundert hervorgebracht hat.

Auch in diesen Tagen, da Buenos Aires seine jährliche Buchmesse erlebt und sich die Gesammelten Werke des Meisters auf den Tischen stapeln, gibt es die passende Borges-Geschichte am Kiosk zu kaufen. Denn María Kodama, die umstrittene Dichterwitwe, hat der Zeitschrift "Veintitres" ein langes Interview gegeben. Im Grunde muss man der Frau, die Borges zum Sterben nach Genf begleitete und ihn dort begraben ließ, nur die Namen ihrer Verächter hinwerfen, dann kommen die Zurückweisungen von ganz allein.

Die Frage, warum der Dichter sich von Chiles Diktator Pinochet auszeichnen ließ, ist eine Lieblingsprovokation der Interviewer. Weil man ihn habe bestechen wollen, sagt María Kodama. Borges sei dem Nobelpreis nahe gewesen, und man habe ihm zu verstehen gegeben, dass eine Ehrung aus der Hand Pinochets die größte literarische Distinktion der Erde gefährden würde. Da habe Borges nach Chile fahren müssen. "Es gibt zwei Dinge", soll er gesagt haben, "die ein Mensch nicht hinnehmen kann: zu bestechen und bestochen zu werden." Von Borges haben heutige argentinische Erzähler wie Alan Pauls und Martín Kohan das Formbewusstsein geerbt. Politik oder gute Absichten gelten wenig, das literarische Handwerk alles.

Die eigentliche Trennung existiert zwischen denen, die in Spanien verlegt werden, und den anderen, die in kleinen Auflagen nur den heimischen Buchmarkt erreichen. Doch selbst wer es in spanische Häuser wie Alfaguara, Anagrama oder Tusquets schafft, darf sich der Verbreitung in der spanischsprachigen Welt noch nicht sicher sein. Man unterscheidet innerhalb der Verlage nämlich zwischen argentinischen und spanischen Ausgaben. Nur die zweiten werden auf dem anderen Kontinent verkauft und in Madrid oder Barcelona rezensiert. Und kosten etwa das Doppelte. Trotz häufiger Beschwörung der hispanischen Kulturgemeinschaft ist der Weg von diesem Ende der Welt nach Europa immer noch weit.

Die argentinischen Verleger stehen vor ähnlichen Problemen. Wirtschaftskrise, Preisverfall und die schiere Entfernung zu den Distributionszentren haben sie zu engagierten Nischenbewohnern, scharfen Beobachtern und Rechenmeistern der kleinen Zahl gemacht. Bei einem Symposion im Goethe-Institut von Buenos Aires berichteten unabhängige Verleger, Autoren und Übersetzer von ihren Erfahrungen. Die Hälfte seiner Backlist seien Übersetzungen, erklärte Fabián Lebenglik, verantwortlich für das Programm des Verlags Adriana Hidalgo, zwanzig Prozent davon stammten aus dem Deutschen. "Aus Fanatismus", wie der Verleger sagt. Bei Katja Lange-Müller hat sich die Geduld gelohnt. Demnächst erscheint Walter Kappachers Roman "Der Fliegenpalast". So wird dieses Buch über einen Künstler des alten Europa also in Argentinien zu kaufen sein, in Spanien dagegen nicht.

"Wo es Literatur und Philosophie gibt, da gibt es auch Übersetzungen", sagt Alejandro Katz, der Leiter des gleichnamigen Hauses, das Jürgen Habermas und Ralf Dahrendorf verlegt. "Und in Argentinien hat es schon immer eine reiche Übersetzungstradition gegeben, weil Einwanderung und die Mischung der Sprachen, Kulturen und Weltentwürfe dieses Land geprägt haben." Es liegt Mut in diesem Kampf um intelligente Leser. Auf der Buchmesse erleben wir einen Stand, den sich acht Kleinverlage zusammen so gerade leisten können. Alle sind nach der Krise von 2001 entstanden, als importierte Bücher aus Spanien unbezahlbar geworden waren und sich kaum noch jemand um neue argentinische Autoren kümmerte. Entropía heißt einer dieser Verlage, der seit 2004 siebenundzwanzig Titel vorgelegt hat und alle lieferbar hält. Dasselbe gilt für Eterna Cadencia (sechsunddreißig Titel).

Die Eröffnung der Buchmesse stand im Zeichen der Zweihundertjahrfeier der argentinischen Unabhängigkeit. Deshalb, so hieß es, sei auf einen Eröffnungsvortrag durch einen Schriftsteller verzichtet worden. Warum aber nirgendwo ein Vertreter der Spezies Schriftsteller gesichtet wurde, nur eine Schar von politischen Würdenträgern, ist damit nicht erklärt. Auch was den Auftritt als Gastland bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse betrifft, wissen die argentinischen Organisatoren noch nicht, welche Autoren sie nach Deutschland einladen sollen. Und noch weniger, wer in Frankfurt die Eröffnungsrede halten könnte. Denn dort ist es mit blumigen Worten und Militärmusik nicht getan. Der in Mexiko lebende Dichter Juan Gelman, so verlautet, hat abgelehnt. Und in der mittleren Generation findet sich nicht so leicht ein Wappentier. So gut sie sind, niemand möchte jemand anderen repräsentieren als sich selbst.

Die hektische Suche gehört zur wiederkehrenden Komik jedes Gastlandes der Frankfurter Buchmesse. Messedirektor Juergen Boos, der mit seiner Delegation nicht die Mühe gescheut hatte, auf dem Landweg von Frankfurt nach Rom zu reisen, um von dort einen Flug nach Buenos Aires zu erwischen, betonte in seiner Rede, die eigentliche Aufgabe der Argentinier warte jenseits des Jahres 2010: in der Pflege der literarischen Übersetzungen, die im letzten Jahr einen enormen Schub bekommen haben. Liegen die Werke erst einmal auf Deutsch vor uns, werden wir auch wissen, wer das neue Argentinien repräsentiert. PAUL INGENDAAY

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