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Pi mal Daumen

10.01.2010 ·  Ian Stewart nimmt die Angst vor Mathematik

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Das Buch der Bücher ist nicht in der Sprache der Mathematik geschrieben. Trotzdem finden sich hier und da Beispiele biblischer Rechenkunst, etwa in der Beschreibung eines Beckens im Tempel des Königs Salomo: "Und er machte ein Meer, gegossen vom einen Rand zum anderen zehn Ellen weit, und eine Schnur, dreißig Ellen lang, war das Maß ringsherum." Kreisumfang und Durchmesser stehen hier in einem Verhältnis von 30 zu 10. Mathematisch gesprochen: Pi = 3.

Ungläubige machen am Küchentisch die Probe aufs Exempel: Ein typischer Kaffeebecher hat einen Durchmesser von einem Zeigefinger. Um aber den Becher zu umfassen, reichen Zeigefinger und Daumen zusammen nicht aus. Die Lücke entspricht ungefähr einem dritten Finger, also wieder: Pi = 3.

Ein Mathematiker wie Ian Stewart, der an der Universität Warwick in England lehrt, dürfte über solche Pi-mal-Daumen-Näherungen müde lächeln. Schon die Babylonier verwendeten einen viel genaueren Wert für die Kreiszahl Pi. In seinem Buch "Meilensteine der Mathematik" begeistert sich Stewart vor allem an jenen geometrischen Verfahren, die der große Archimedes zur Berechnung von Pi verwendete.

Archimedes umzäunte den Kreis von außen mit einem regelmäßigen Sechseck und schrieb ihm auch von innen ein Sechseck ein. Anschließend halbierte er die Seitenlängen und machte so aus den Sechsecken Zwölfecke, dann 24-Ecke, 48-Ecke und 96-Ecke, die sich immer enger von außen und innen an den Kreis anschmiegten. Damit, so Stewart, habe Archimedes den Wert von Pi zwischen 3,1408 und 3,1429 eingrenzen können. Die Genauigkeit ließ sich beliebig steigern.

Stewart ist vielfach für die Popularisierung von Mathematik ausgezeichnet worden. Sein jüngstes, reich illustriertes Buch lädt zum Blättern ein. In einem historischen Streifzug beleuchtet der Autor verschiedene Gebiete der Mathematik und bringt dem Leser ihre Protagonisten in Kurzporträts näher.

Unter mathematischen Meilensteinen sind naturgemäß dicke Brocken, doch Stewart gelingt eine unterhaltsame und lesenswerte Zusammenstellung. Allein die Kürze der Darstellung fordert gelegentlich ihren Tribut. So lässt der Autor die Geschichte der mechanischen Rechenmaschine mit Blaise Pascal beginnen und übergeht Wilhelm Schickard, der schon 1623 in Tübingen den ersten Automaten entworfen hatte, der den Zehnerübertrag beim Addieren und Subtrahieren automatisch bewerkstelligte. Den Übertrag lieferte ein Zahnrad mit nur einem einzigen Zahn statt mit zehn Zähnen. Dieses Einrad griff dann in die Rechnung ein, wenn sich eines der übrigen Zahnräder über den Wert Neun hinaus drehte.

Der Zehnerübertrag ist nicht nur beim Kopfrechnen ein springender Punkt, sondern eine Knacknuss, die von der mechanischen Rechenmaschine in die Software des Computers eingewandert ist. Das Jahr-2000-Problem und das aktuelle Jahr-2010-Problem hatten zahlreiche Vorboten. Stewarts Buch ist eine Einladung, die Mathematik als Schlüsseltechnologie nicht erst dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn die Rechnung einmal nicht aufgeht. Thomas de Padova

Ian Stewart: "Meilensteine der Mathematik". Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010. 288 S., geb., 32,95 [Euro].

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