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Pete Seeger und Judy Collins Schickt die Clowns

26.04.2009 ·  In ihnen lebt der amerikanische Folk fort

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Bob Dylan, Joan Baez, Peter, Paul & Mary, Buffy Sainte-Marie, Ian and Silvia, Tom Paxton, sogar John Denver, Glenn Campbell und auch Bobby Gentry mit ihrer unvergesslichen beklemmenden Südstaatenballade "Ode to Billy Joe": Sie alle sind nicht denkbar ohne Pete Seeger. Er, der Urvater des amerikanischen Folk, der am kommenden Sonntag neunzig Jahre alt wird, wuchs schon in den ersten Jahren seiner Karriere zu einem John Steinbeck der Musik heran. Steinbeck? Seeger ist der Homer des Folksong. Denn seine Lieder waren Epen, umgriffen die Menschheit samt den entscheidenden Dingen des Lebens - und ergriffen folgerichtig die ganze Welt. "Turn, Turn, Turn", Seegers Umsetzung des alttestamentlichen "Ein Jegliches hat seine Zeit", zählt dazu, ebenso sein jenseits von Eden und diesseits der (ihm immer teuren) Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung geschaffenes "We Shall Overcome".

So, wie die genannten Künstler diesem Mann, der den Folk zur festen, international wirksamen Gattung machte, alles verdanken, verdankt umgekehrt er ihnen viel. Denn sie, allen voran Peter, Paul & Mary, machten sein "Where Have All the Flowers Gone" und "If I Had a Hammer" zu Hits, denen die rebellierenden Studenten ebenso zuhörten wie Arbeiter und der Mittelstand. Homers Herolde, sprich: PP & M, Dylan, Baez und die anderen, verstreuten sich in viele Genres. Pete Seeger, dem strengen Stil - heute: unplugged - treu, sich aufteilend zwischen Soziologie und Poesie, widerstand dank dieser Unbeugsamkeit 1955 der Befragung durch McCarthys schnüffelndes "Komitee für unamerikanische Umtriebe" - und stand aus denselben Gründen in der Ehrenriege jener Musiker, die am 18. Januar 2009 zur Amtseinführung Barack Obamas spielten. Nicht zu vergessen seine Ehrung durch Bruce Springsteen, der 2006 ein fulminantes Album mit fünfzehn Seeger-Songs aufnahm.

Zu Pete Seegers Nachfolgern gehört auch Judy Collins, die am Freitag dieser Woche siebzig wird. "Turn, Turn, Turn" zählte, vorgetragen mit kristallklarem melancholischen Sopran, zu ihren ersten Erfolgen, als sie 1961 nach einem erfolgreichen Debüt als klassische Konzertpianistin zum Folkgesang wechselte. In den siebziger Jahren eine feste Größe der Folkszene, suchte Judy Collins via Crosby, Stills, Nash und Young erfolgreich Anschluss an den Edelrock jener Jahre. Europa wiederum feierte sie als brillante Gratwanderin zwischen Chanson und Folk, roten Sonnenuntergängen und Rotfront. Ihr "Bread and Roses" war berühmt oder "Marat", endend mit "We want a revolution - now". All das aber überstrahlte 1975 Stephen Sondheims "Send in the Clowns". Diese selbstkritisch-resignierte Ballade eines Broadway-Musicals wurde in Collins' Interpretation zum Gleichnis aller Enttäuschungen, die das Leben jedem bereitet - und die, will man nicht den Boden unter den Füßen verlieren, mit Ablenkungsmanövern durchstanden werden müssen. Eine Erkenntnis, die auch viele, wenn nicht auf Revolutionen, so doch auf grundsätzliche Wenden hoffende Folksänger akzeptieren mussten.

Auf der Liste der Clowns respektive Musiker (unter ihnen Springsteen, Baez, Paxton, Kris Kristofferson und Taj Mahal), die am 3. Mai Pete Seeger im Madison Square Garden feiern werden, fehlt Judy Collins - vielleicht, weil sie, noch immer aktiv, irgendwo in Amerika singen wird. DIETER BARTETZKO

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