Home
http://www.faz.net/-1vs-6kvtq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Sachbücher Der glänzende Zwilling mit Sinn für den besten Stoff

Ein Triebwerk hinter der Kraft der Rolling Stones: Keith Richards hat seine Autobiographie geschrieben und zeigt dabei Respekt vor einer Musik, die größer ist als ein einzelner Gitarrist.

Schon lange, bevor dieses Buch erschien, musste man sich darüber wundern, dass Keith Richards überhaupt noch am Leben ist - jetzt, wo man es gelesen hat, kann man es eigentlich gar nicht mehr glauben. Vermutlich hing kein anderer Rockmusiker so lange an der Nadel und hat sich auch sonst so viel ungesunden Stoff einverleibt wie er. Jahrelang war er nicht nur mit seiner Musik Spitzenreiter, sondern auch Todeskandidat Nummer eins. Dass er den makabren Erwartungen trotzte und das Rock 'n' Roll-Gesetz des live fast, love hard and die young zäh umging, das gerade um 1970, als die Rolling Stones in Bestform waren, seine prominentesten Opfer forderte, wird nicht nur an seiner zweifellos guten Konstitution gelegen haben. Es war auch Glück im Spiel, Glück und Klugheit. Keith Richards hat mehrere goldene Regeln beherrscht, die auch anderen das Leben hätten retten können: wie in der Musik nur beste Qualität, davon nie zu viel nehmen und nie gleichzeitig Drogen konsumieren und damit handeln.

Es war zu erwarten gewesen, dass "Life", die Autobiographie des Rolling-Stones-Gitarristen, auch ein Drogenbuch werden würde; kaum eine von den siebenhundert Seiten, auf der sich nichts dazu fände. Dass sie dennoch kaum ermüden, liegt daran, dass hier eine Logik der Sucht entwickelt wird, die man vielleicht hätte erwarten können, die in dieser Plausibilität aber doch überrascht. Vordergründig versteht es sich ja von selbst, dass dem Mann, der Songs wie "(I Can't Get No) Satisfaction" und "Gimme Shelter" geschrieben hat und dem diese unnachahmlichen Gitarrenriffs von der Hand gehen, dies nur unter dem Einfluss von Drogen gelingen konnte. Aber die Musik der Rolling Stones war, bis auf eine Ausnahme, nie psychedelisch; und es wird kein Zufall sein, dass Keith Richards vom LSD die Finger gelassen hat.

Sehr deutlich ging es seit der Platte

"Aftermath" (1966) - der ersten, die ausschließlich Jagger/Richards-Kompositionen enthielt - darum, den Druck auszuhalten, der sich einstellte, weil man damals, als die Langspielplatte sich gerade erst durchzusetzen begann, alle paar Wochen eine neue und am besten auch sofort zündende Single auf den Markt werfen musste. In jener Zeit waren die Rolling Stones, neben den Beatles und Bob Dylan, die alles überragenden Schrittmacher der Popmusik, die mit dem unerschütterlichen Bewusstsein auftraten, eine künstlerische und gesellschaftliche Wachablösung zu betreiben, und damit den energischen Widerstand des Establishments hervorriefen.

Es ist geradezu erschütternd nachzulesen, was sich Polizei und Justiz alles einfallen ließen, um Mick Jagger und Keith Richards hochgehen zu lassen. Bewundernswert ist aber auch, wie furchtlos und trotzig die beiden dabei blieben. Wenn Keith Richards dennoch nicht von den Drogen lassen konnte und nach grauenhaften Entzügen immer wieder rückfällig wurde, dann musste noch etwas anderes dahinterstecken. "Aber", so schreibt er über die Zeit nach dem Desaster von Altamont, wo im Dezember 1969 ein Konzertbesucher von einem Hells Angel erstochen wurde, "man lässt es nicht bleiben, aus tausend verschiedenen Gründen. Ich glaube, es hatte mit dem ständigen Touren zu tun. Man steht immer unter Strom und Adrenalin, da muss irgendein Gegengift her. Mit der Zeit gehörte das Heroin einfach dazu. Mick sonnte sich dafür in den Lobhudeleien der Fans, was fast aufs Gleiche rauslief. Beides ist eine Flucht vor der Realität."

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.10.2010, 16:55 Uhr