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Mit doppelter Münze

30.09.2009 ·  Die Verfilmung des ersten Bandes der Trilogie von Stieg Larsson: "Verblendung"

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"Spießig und habgierig" sei seine Familie, erklärt Henrik Vanger dem Journalisten Mikael Blomkvist. Der betagte Industrielle hat den gestrauchelten Enthüllungsexperten engagiert, um das Verschwinden seiner Lieblingsnichte Harriet zu klären. Er hatte sie als seine Nachfolgerin an der Spitze eines der mächtigsten Industriekonzerne Schwedens vorgesehen. Von einem Tag im September 1966 auf den anderen zerschlug sich diese Hoffnung. Seither bekommt Vanger jedes Jahr pünktlich zu seinem Geburtstag ein gerahmtes Bild mit einer gepressten, seltenen Blume darin. Mit dem Auspackritual setzt der Film ein (und bleibt damit eng an der Romanvorlage): das überlaute Rascheln und Knacken des Papiers, das von Seelenqual gezeichnete Faltengebirgsantlitz Vangers, ahnungsvoll, gezeichnet.

Wie sich schnell herausstellt, sind Spießigkeit und Habgier noch die besseren Eigenschaften der weitverzweigten Vanger-Familie. Auch gläubige Nazis gehören zum Clan, der auf einer Privatinsel lebt, eng beieinander und doch Galaxien voneinander entfernt. Blomkvist soll Licht in dieses Polarkreisdunkel bringen. In einer kalten Hütte häuft er Indiz auf Indiz, beäugt vom örtlichen Kriminaler, der den Fall nicht lösen konnte, und diversen zweifelhaften Familienmitgliedern. Blomkvist ist ein Alter Ego seines Erfinders Stieg Larsson, und Michael Nyqvist passt diese Rolle wie ein Maßanzug. Er spielt den Rechercheur schön ambivalent, als Sympathieträger, dem sich die Menschen öffnen, der gleichzeitig sämtlichen Kredit seiner Freunde verspielt, wenn er auf der Jagd ist. Der Film opfert eine Facette Blomkvists: Im Roman hüpft er von Bett zu Bett, nun bleibt er in einem.

Die Millennium-Trilogie des 2004 verstorbenen Autors Stieg Larsson ist mit fünfzehn Millionen verkauften Büchern ein gesamteuropäischer Erfolg. Auch in den Vereinigten Staaten ist die Trilogie ein Renner. Der Ende August erschienene zweite Band ("The Girl Who Played With Fire") eroberte Platz eins der Bestsellerliste aus dem Stand. Dieses mit "Mädchen" unzutreffend beschriebene Wesen namens Lisbeth Salander ist zweifellos Larssons originellste Figur.

Eine autistische, großflächig tätowierte, bisexuelle Hackerin, die unter dem Tarnnamen "Wasp" internationales Ansehen in der Szene genießt. Auch dem Film von Regisseur Niels Arden Oplev glückt mit der dreißigjährigen Noomi Rapace eine überzeugende Entdeckung. Lisbeths versteinerte Düsternis lernt man zu deuten - als unterdrückte Sehnsucht nach Zuneigung, ein Gefühl, das die psychiatrie-erfahrene Frau brachial bekämpft. Motto: Man darf sich nicht verlieben.

Und man darf sich nichts gefallen lassen. In diesem Punkt ist sie dogmatisch. Das bekommt der Anwalt Bjurmann (Peter Andersson) zu spüren, der als Lisbeths Vormund seine Schutzbefohlene missbraucht. Doch sie zahlt mit doppelter Münze zurück und rächt sich mit einer kaltblütig exerzierten Vergewaltigung und einem Tattoo auf dem Bauch Bjurmanns ("Ich bin ein sadistisches Schwein") - eine Szene, die in Cinemascope und Dolby Surround wesentlich direkter wirkt als zwischen Buchdeckeln.

Die Spürfahrten zu den Schauplätzen der ungeklärten Morde durch das winterliche Schweden haben Roadmovie-Qualitäten. Und sie binden die Geschichte zurück an eine zerfallende Gesellschaft, der die Gewissheiten der bürgerlichen Kodifizierung abhandengekommen sind. Dass das schwedische Regie- und Produzententeam derselben Generation wie der verstorbene Autor entstammt, muss kein Vorteil sein, ebenso wenig wie der Umstand, dass Einheimische auf ihr Land schauen. Dennoch hat man das Gefühl, dass die Bilder ebenso authentisch sind, wie die Besetzung bündig ist. Für ein internationales Publikum sind es unverbrauchte Gesichter, die die Kamera von Eric Kress porentief ausgeleuchtet inszeniert. Bei erheblicher Überlänge sind Durchhänger zu erwarten, aber die Schwierigkeit, Archivwühlerei, Aktenstudium und Computerhacken als dynamische Filmbilder zu transportieren, ist geschickt gelöst: Blomkvist scannt Hunderte von alten Fotografien ein. Durch diese Bildermengen scrollt er hin und her, bis sie in Bewegung geraten.

"Verblendung" ist eine gelungene Adaption, weil sie aus den vielen Mündungsarmen der Romanvorlage ein funktionierendes Konzentrat macht, das die Zwischentöne nicht preisgibt. Teil zwei ("Verdammnis") und drei ("Vergebung") sind für 2010 angekündigt, ein gutes Jahr für Larsson-Fans. HANNES HINTERMEIER

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