27.08.2009 · Wlodzimierz Nowaks deutsch-polnische Reportagen
Wenn früher von der polnischen Reportage die Rede war, wurden sofort, meist in einem Atemzug, zwei Namen bemüht: Hanna Krall und Ryszard Kapuscinski. Thematisch waren ihre Texte zwar völlig woanders angesiedelt, eines verband sie aber: die Kunst stilistischer Kreation, weshalb sie auch von der Kritik übereinstimmend als "literarische Reportagen" bezeichnet wurden. Heute spricht man bereits von einer "polnischen Schule der Reportage", nennt als deren Brutstätte die Redaktion der Warschauer "Gazeta Wyborcza" und fügt den beiden Namen noch einen dritten hinzu: Malgorzata Szejnert. Die 73 Jahre alte "Königin der Reportage", wie sie von ihren Kollegen gern tituliert wird, belegte soeben gleich mit zwei Büchern - das eine handelt von der schlesischen Arbeitersiedlung Giszowiec, das andere von Ellis Island -, wie gut sie ihr Handwerk beherrscht.
Dass sich um die "Gazeta Wyborcza", wo jährlich gut dreihundert Reportagen erscheinen, viele begabte Nachfolger der drei Altmeister gruppieren, konnte man auch hierzulande bemerken: an der von Martin Pollack herausgegebenen Anthologie "Von Minsk nach Manhattan" (2006) oder an dem glänzenden Soloauftritt, den Mariusz Szczygiel mit seinem Buch "Gottland" (2008) hatte. Nun macht es ihm sein Kollege Wlodzimierz Nowak mit dem Buch "Die Nacht von Wildenhagen" nach, einer Sammlung von Reportagen, die von 1997 bis 2006 in der "Gazeta" erschienen sind und, wie es im Untertitel heißt, "zwölf deutsch-polnische Schicksale" schildern.
Mit dem "doppelnationalen" Hinweis ist mal eine Verflechtung, mal eine Parallelität gemeint, in den meisten Fällen gehen die Geschichten der jeweiligen Protagonisten aber ineinander über. Wie in der Auftaktreportage "Von Wanda, die den Deutschen nicht wollte", die von dem früheren Unternehmer Gerhard Zandecki handelt. In den achtziger Jahren als Organisator großer Hilfslieferungen für Polen bewundert und gefeiert, fristet er heute in der polnischen Provinz ein Obdachlosendasein. Schuld an seiner Misere ist eine polnische Krankenschwester, die er während seiner Hilfsaktionen kennengelernt hat. Glück, Liebe, gemeinsames Haus, all das gehört längst der Vergangenheit an, es gibt nur noch Vorwürfe und Beschimpfungen.
Oder, um eine von Nowaks historischen Reportagen als Beispiel zu nehmen, in dem preisgekrönten "Kopfumfang": der Geschichte der Witaszek-Schwestern, deren Vater 1942 von den Deutschen hingerichtet wurde und die zunächst in das "Heim Pommern" in Bad Polzin, eines der größten Lebensborn-Zentren des Dritten Reichs, und dann nach Deutschland respektive Österreich verschleppt wurden. Noch als Erwachsene sind Alodia/Alice und Daria/Dora zwischen ihren beiden Identitäten hin und her gerissen.
Obwohl sie sich auf die Kriegszeit, sprich: auf das bekannteste Kapitel der schwierigen Nachbarschaft beziehen, sind es in erster Linie diese historischen Reportagen, die den Leser in Atem halten. Das gilt für "Kopfumfang" wie für die Titelgeschichte, in der die kleine Adelheid Nagel Zeugin eines kollektiven Selbstmordes wird. Angesichts der heranrückenden Roten Armee bricht unter den Frauen von Wildenhagen eine Massenhysterie aus, und sie beschließen, sich und ihre Kinder aufzuhängen. Adelheid selbst entkommt knapp dem Tod, indem sie, einen Strick um den Hals, den verlangten Sprung hinauszögert und schließlich von einem sowjetischen Soldaten gerettet wird. Es gibt noch weitere Überlebende, die Bilanz jener Nacht ist dennoch erschreckend: Dutzende Bewohner von Wildenhagen sind tot, in anderen Orten beträgt die Zahl der Opfer sogar mehrere hundert. Fakten, die in Polen bis heute so wenig bekannt sind wie seinerzeit das Pogrom von Jedwabne.
Nicht minder eindrucksvoll ist die Geschichte von Mathi Schenk aus "Mein Warschaukoller", der als junger Wehrmachtssoldat an der Niederschlagung des Warschauer Aufstands teilnahm. Seiner eigenen, mäßigen Kampflust steht die Brutalität der berüchtigten "SS-Sturmbrigade Dirlewanger" entgegen, der Schenks Einheit eine Zeitlang zugeteilt war. "Hinter uns zog Dirlewangers Horde nach", erinnert er sich. "Sie sahen aus wie Lumpengesindel; dreckige, zerrissene Uniformen, nicht alle hatten Waffen, deswegen nahmen sie den Getöteten ihre weg." Dirlewanger selbst "trieb seine Leute an. Denjenigen, die zögerten, schoss er in den Rücken."
Die Art, in der Nowak das Wüten der Dirlewanger-Schergen schildert, erinnert mitunter an Miron Bialoszewskis berühmtes Tagebuch aus dem Warschauer Aufstand, "Alles was war". Die Erzählperspektiven sind zwar denkbar verschieden, doch der Stil ist ähnlich lakonisch, es herrschen eine vergleichbare Sachlichkeit und scheinbare Teilnahmslosigkeit. "Über den Platz jagten sie die Krankenschwestern aus dem Lazarett", lautet eine Szenenbeschreibung, "nackt, mit den Händen auf den Köpfen. An ihren Beinen lief Blut herunter. Dahinter zogen die Männer den Arzt mit einem Strick um den Hals. Er war in ein Stück Fetzen gekleidet, das rot war, vielleicht vom Blut, und trug eine Dornenkrone auf dem Kopf."
Dieser um Neutralität bemühte Berichterstatterton ist eine der auffälligsten Eigenarten von Nowaks Erzählstil. Hinzu kommen seine grandiose Beobachtungsgabe, seine Bereitschaft, den ihm begegnenden Menschen aufmerksam zuzuhören, und seine Recherchenwut. Letztere hat einen bisweilen ermüdenden Detailreichtum, aber auch einige schier unglaubliche Schicksalsbeschreibungen zur Folge. Etwa "Die Abenteuer des braven Soldaten Manfred": die Geschichte eines Wehrmachts-Deserteurs, der sich den polnischen Partisanen anschließt.
In diesem sachlich-nüchternen Ton, der in Verbindung mit Nowaks Hang zu Zeitsprüngen und assoziativem Denken eine eigenartige Spannung erzeugt, sind auch die Texte gehalten, die von der Gegenwart handeln: von zaghaften Annäherungsversuchen zwischen Deutschen und Polen nach der Öffnung der Grenzen, von den Profiteuren der EU-Erweiterung oder von neuen Feindbildern in Zeiten der Wirtschaftskrise. In "Adam und Ewka im Paradies" erscheint die Grenzstadt Slubice als ein Eldorado der Bordellbetreiber, Prostituierten und Zigarettenschmuggler. In "Über die Neiße, über die Oder" geht es um den Alltag einer Schlepper-Familie. "Der Radiowecker von Frau Mohs" ist die Beichte einer Ostdeutschen, die den Sprung vom Sozialismus zum Kapitalismus nur widerwillig geschafft hat. Und "Zwei Minuten kontra drei" wirft einen Blick auf die mittlerweile konkurrierenden Opel-Werke in Bochum und Gliwice.
Ob er nun von Vergangenheit oder Gegenwart erzählt, als begabter Schüler der besagten drei Altmeister erweist sich Nowak allemal. Mit Malgorzata Szejnert scheint er die Liebe zum Detail zu teilen, mit Hanna Krall verbindet ihn der Hang zur Lakonie und Sachlichkeit. Und mit Ryszard Kapuscinski hat er die Fähigkeit gemein, individuelle Schicksale so zu erzählen, ihnen ein solches Stigma der Wiederholbarkeit und Dauerhaftigkeit zu verleihen, dass dahinter schließlich historische Mechanismen sichtbar werden. "Der Wunsch, die Geschichte in Aktion zu erleben", antwortete Kapuscinski gern auf die Frage, was die stärkste Antriebskraft eines Reporters sein sollte. Wlodzimierz Nowak scheint seine Ansicht zu teilen. MARTA KIJOWSKA
Wlodzimierz Nowak: "Die Nacht von Wildenhagen". Zwölf deutsch-polnische Schicksale. Aus dem Polnischen von Joanna Manc. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 300 S., geb., 19,95 [Euro].