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03.06.2009 ·  Italiens Intellektuelle vor der Europawahl

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VENEDIG, 3. Juni Welcher europäische Philosoph ist derzeit so prominent wie Gianni Vattimo? In den besseren Vierteln Roms hängt das Porträt des grauhaarigen Turiners an zahlreichen Häuserecken, als wäre der postmoderne Denker ein Popstar. Solche Präsenz im öffentlichen Diskurs wird nicht einmal fernsehgerechten Philosophen wie Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann oder Peter Sloterdijk zuteil. Doch im Unterschied zu ihnen hat sich Gianni Vattimo auf gar nicht so aussichtslosem Listenplatz als Kandidat für die Europawahl aufstellen lassen: für die Bürgerpartei "Italia dei valori" des einstigen Anti-Korruptions-Staatsanwaltes Antonio Di Pietro.

Früher waren die Kommunisten, später eine ihrer weniger ideologischen Nachfolgeparteien noch der naturgegebene Platz für einen solchen Wechsel von der Theorie zur Praxis. Unvergessen in Italien bleibt etwa Pier Paolo Pasolinis hymnisches Schreiben und Preisen der roten Fahne, wenn die Partei den Dichterdenker auch später wegen dessen Vorlieben für ranke Knaben unehrenhaft entließ. Ein schlechter Kulturschaffender, der in den sechziger oder siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kein Eurokommunist war. Es gibt putzige Schnappschüsse von einem ungelenken Luigi Nono, wie er in Venedig an einem Wahlkampfstand der Partei mitwerkelt, wenngleich echte Hand- oder gar Fabrikarbeit von keinem prominenten Intellektuellen überliefert ist. Immerhin kandidierte bei den letzten Mailänder Bürgermeisterwahlen Dario Fo für die extreme Linke und bescherte ihr mit einem nicht unwitzigen Wahlprogramm ("Geländewagen raus aus der Innenstadt") ein historisches Fiasko.

Heute jedoch senden Italiens Linksparteien und Intellektuelle auf unterschiedlichen Wellenlängen. Paolo Flores d'Arcais, Mentor der einflussreichen Zeitschrift "Micromega", zieht seit Jahren publizistisch gegen die geeinte Linkspartei zu Felde, hält den mächtigen Hierarchen ihre Unfähigkeit vor und rechnet auch jetzt wieder verbittert mit dem Projekt einer sozialdemokratischen Opposition ab, der letzten Zuflucht der Partitokraten. Er habe sich, erzählt Flores in einem Interview, 1963 beim "Partito comunista" eingeschrieben: "Die Krise der Beziehungen dieser politischen Welt zu den Intellektuellen kommt von weit her, wurde aber verschlimmert durch die selbstzerstörerische Kettenreaktion und viele Irrtümer der Funktionäre nach 1992." 1992 war das Jahr Antonio Di Pietros.

Der Einmarsch in Ungarn trieb einst Calvino aus der Partei; die nicht vollzogene Demokratisierung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs führte zur vollständigen Entfremdung von linken Politikern und linken Denkern. Unvergessen sind die Gardinenpredigten bei Parteitagen, mit denen der Regisseur Nanni Moretti den arroganten Provinzfürsten des "Partito democratico" (Pd) die Leviten las. Diese Strippenzieher, allen voran der einstige Intrigantenpremier Massimo D'Alema, sind alle noch am Ruder. Nur die Wähler werden nach jeder Selbstzerfleischung, jeder Palastrevolution und jedem politischen Offenbarungseid (wie etwa dem Mülldesaster in Neapel) immer weniger.

Wenn Gianni Vattimo nun also nicht für die sterbenskranke Pd, sondern für das rabiatere und volkstümlichere "Italien der Werte" antritt, ist dies auch ein Beweis für den Machtinstinkt der Intellektuellen: Während bei den offiziellen Erben des Kommunismus kein Butterbrot mehr zu gewinnen ist, schart man sich um den ethischen Populisten Di Pietro. Mit seiner Wahl - und das ist wirklich neu - bleibt Vattimo aber nicht allein. Im Nordosten kandidiert der Triestiner Literat, Cineast und Literaturwissenschaftler Giorgio Pressburger für die "Idv". Und neulich erst hat sein noch bekannterer Kollege Claudio Magris derselben Partei - und seinem Freund Pressburger - seinen Segen gegeben. Auch der greise Andrea Camilleri bekennt sich nun offen zur neuen "Intellektuellenpartei" und verweist bekümmert darauf, dass von den Altlinken keine geistige Kraft mehr ausgehe.

Dass eine Galionsfigur wie Umberto Eco nichts mehr von der alten Linksbindung wissen will, ist in Italien ebenso ein offenes Geheimnis wie der Ekel des Jungstars Roberto Saviano gegenüber Altkommunisten, die nichts gegen den Niedergang seines Neapel unternahmen. Schon bei den letzten Europawahlen waren für den "Partito democratico" nurmehr zwei namhafte Figuren aufgetreten: die Fernsehjournalisten Lilli Gruber und Michele Santoro. Beide gaben ihr Mandat wieder auf, um auf den Bildschirm zurückzukehren. Welcher Unterschied, so höhnten Kommentatoren, besteht überhaupt zwischen Berlusconis gelifteten Fernsehgesichtern und denen der Linken?

Eine ideologisch ungebundene, radikaldemokratische Bürgerpartei wie die "Idv", der die Umfragen solide Gewinne bei den Europawahlen prophezeien, bleibt da als letztes Netzwerk ausgerechnet derer übrig, die einst die ideologischen und historischen Richtlinien der Bewegung vorzeichnen wollten - auch das ein Zeichen postmoderner Desillusion, wie sie gründlicher nicht sein könnte. DIRK SCHÜMER

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