Home
http://www.faz.net/-1vs-6opcc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Larry Hagman Hut ab vor so viel Gemeinheit!

Er ist und bleibt J. R.: Wie wir lernten, den Schurken zu lieben

Ausgerechnet in China erkennen sie ihn nicht. "Eine Milliarde Leute, können Sie sich das vorstellen?", hat Larry Hagman alias J. R. Ewing einmal gesagt. Kann man natürlich nicht: Die Volksrepublik hätte doch gerade in den achtziger Jahren einen kapitalistischen Lehr- und Zuchtmeister wie J. R. gut gebrauchen können. Die Lage hat sich mittlerweile geändert, heute ist China der größte Investor in Amerika. Um die Wirtschaft in Gang zu halten, benötigt Peking nicht die Nachhilfe eines Stetson tragenden Ölbarons.

Aber wir, die vom postmodernen Spekulantentum übel gefoppten Westler, wir sollten ihn noch einmal studieren, als Rückwärtsdokumentation: So also sah der Kapitalismus der Reagan-Ära aus, fies, selbstgerecht, im Vergleich zu den Zockern einer virtuellen Geldwirtschaft jedoch relativ berechenbar. Larry Hagman verkörperte ab 1978 (in Deutschland ab 1981) in "Dallas" den Bonzen als Mischung aus Barbar und Familienmensch. Er schlürfte Gallonen Whisky, zerstörte Konkurrenten, häufte Millionen an. Das alles geschah analog, die Serie kam ohne Computer aus; Apple war gerade erst gegründet worden, Microsoft steckte in den Anfängen. Hagman konnte die schillernd böse Seite des Systems noch regelrecht verkörpern: Die Zeit, als sich das Weideland der Ölbarone in Schürfgebiet verwandelt hatte, lag noch nicht lange zurück, und die Zukunft einer sich in Bits und Bytes verflüchtigenden Hochfinanz war noch nicht einmal im Ansatz vorstellbar. Was für ein Glück es gewesen sein muss, damals als Marxist zu denken: J. R., das war die Logik des Tauschwerts, ausstaffiert mit der Bosheit eines Bühnenschurken, der sich selbst für Augenrollen und hyänenhaftes Keckern nicht zu schade ist. Less is more? Quatsch! Mehr ist mehr! Das lernten deutsche Serienzuschauer, nach langen Jahren mit Wildwestpießern ("Bonanza") und Gutmenschenclans ("Die Waltons", "Unsere kleine Farm") von J. R.

Als Hagman die Rolle antrat, war er 47, hinter ihm lag eine Zeit als mäßig erfolgreicher Bühnendarsteller, bis er Mitte der Sechziger mit "Bezaubernde Jeannie" zum Fernsehstar aufstieg. In dieser Reihe spielt er einen Wissenschaftler, dem ein Flaschengeist jeden Wunsch erfüllt, wobei die manipulierte Objektwelt den Akteuren immer wieder in die Parade fährt. Als "Dallas"-Schurke brauchte er dann keinen Dschinn mehr für den Erfolg am Markt, er hatte ja Esprit, den Charme des Bösen in seiner vulgärmarxistischen oder radikalliberalen Variante (je nach Perspektive). Nächstes Jahr soll er auf den Schirm zurückkehren, "Dallas" wird fortgesetzt, und man kann gespannt sein, wie sich J. R. im Post-Lehman-Kapitalismus zurechtfindet.

Bis dahin halten wir uns an Hagmans Auftritte in Filmen wie "Nixon" und "Mit aller Macht". In beiden Thrillern spielt er korrupte Politiker, ein paar knappe Gesten ersetzen da die Pathologiebefunde ganzer Kulturkritikseminare. Zu seinem achtzigsten Geburtstag, den der gebürtige Texaner am 21. September begeht, gratulieren wir aber vor allem: dem Schauspieler, der uns Deutschen beibrachte, dass gerade das Böse zur guten, zur besten Fernsehunterhaltung taugt.DANIEL HAAS

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben