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Jetzt ereilt Labrouste die Nemesis

11.01.2010 ·  Für Napoleonisches gilt kein Denkmalschutz: Die Pariser Bibliothèque Nationale wird wieder einmal umgebaut

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PARIS, im Januar

Im Herzen von Paris, zwischen dem Louvre, der Oper, der Place des Victoires und der Börse, erstreckt sich das gigantische Geviert der Bibliothèque Nationale. Es bildet eine Insel der Stille und geistigen Konzentration. 1867 hatte Henri Labrouste mit dem Lesesaal eine einzigartige Synthese zwischen jahrhundertealter Tradition und der schwebenden Leichtigkeit neuartiger Gusseisenkonstruktionen geschaffen. Auf hohen stengelförmigen Säulen ruhen Bögen, die breite schirmartige Kuppeln tragen, deren kreisförmige Öffnungen das Tageslicht einströmen lassen. Nun steht der Lesesaal leer. Eine Umgestaltung des Quadrilatère Richelieu, wofür das Kulturministerium zweihundert Millionen Euro zur Verfügung stellt, soll dazu dienen, neue funktionelle und ästhetische Forderungen mit der historischen Bausubstanz in Einklang zu bringen.

Nach der Eröffnung der Bibliothek François Mitterrand auf der rive droite blieb 1996 nur ein kleiner Teil der Bestände in den alten Räumen - das Kupferstichkabinett und die Sammlung der Manuskripte, Medaillen und topographischen Karten. Nun sollen zwei weitere Institutionen hier untergebracht werden: die Bibliothek des 2004 eröffneten Institut National d'Histoire de l'Art und die renommierte Ecole des Chartes, die beide auf eigenen Eingängen und Sichtbarkeit beharren. Diese Prämissen erfordern neue Wegführungen, Anbindungen und Raumnutzungen. Um eine Schließung zu umgehen, werden sich die Bauarbeiten in zwei Etappen vollziehen, die je die Hälfe der neuen Einrichtung betreffen, deren Einweihung 2014 stattfinden soll.

Doch nicht nur mit den Spuren einer glanzvollen Geschichte muss sich das Projekt des Pariser Architekten Bruno Gaudin auseinandersetzen, sondern auch mit den Auflagen des Denkmalschutzes: 1649 hatte Kardinal Mazarin die aus einem Stadtpalast und drei anschließenden Häusern bestehende Anlage erworben und von François Mansart Wohnräume und Galerien für seine Kunstsammlung und seine Bibliothek hinzufügen lassen. Noch heute sind die Galerie Mazarin mit den Ausmalungen von Giovanni-Francesco Romanelli und Giovanni-Francesco Grimaldi wie auch die darunter liegende Galerie Mansart Höhepunkte der Raumfolgen.

Nachdem das Ensemble dem Hof zugefallen war, richtete man im westlichen Teil die Königliche Bibliothek ein, der später das Kabinett der Medaillen folgte. Revolutionsarchitekten wie ÉtienneLouis Boullée versuchten das Bautenkonglomerat auf dem Papier in majestätischere Formen zu übersetzen. Boullées gigantische Basilika mit tonnengewölbtem Hauptraum illustriert eine kühne Vision der Universalbibliothek. Nachdem die Bestände auf achthunderttausend Bücher angewachsen waren, beauftragte 1851 Napoleon III. Henri Labrouste, der sich durch die Bibliothèque Sainte-Geneviève einen Namen gemacht hatte, mit dem Umbau. Dieser ging nicht gerade behutsam mit der Bausubstanz um : Die Urzelle der Anlage, den in das Jahr 1635 zurückreichenden Stadtpalast Duret de Chevry/Tubeuf, ließ er entkernen, die drei anschließenden von Pierre Le Muet 1642 errichteten Häuser kurzerhand durch Büchermagazine ersetzen.

Sein Nachfolger Jean-Louis Pascal ging traditionsbewusster vor. Er vollendete die zur Manuskriptensammlung führende pompöse Ehrentreppe gemäß Entwürfen des achtzehnten Jahrhunderts. Die mit schmiedeeisernen Geländern gezierte und von einer Arkade überfangene zentrale Rampe setzt sich in einer schwungvollen zweiten fort, die das säulengeschmückte Vestibül erreicht. Die 1983 unter Denkmalschutz gestellte Treppe, auf der mehr als hundert Jahre lang Forscher zum Studium alter Texte schritten, soll nun den Umbauten weichen. Sie stört die neue weiträumige Eingangshalle, wo sich außer Lesern auch Neugierige drängen werden, um die dortigen Wechselausstellungen zu besuchen und sich zu einem Kaffee zu treffen.

Damit dies in einem stimulierenden Ambiente stattfinden kann, wird die andächtige Stimmung des Labrousteschen Vestibüls durch zahllose Oberlichter mit penetrant eindringendem Tageslicht entmystifiziert. Paradestück dieser grellen neuen Inszenierung ist die transparente Wendeltreppe im Schnittpunkt der beiden durch das Gebäude führenden Wege, des bestehenden von der Cour d'honneur und des neuen, der im Jardin de Vivienne im gegenüberliegenden Teil der Anlage ansetzt. Die kapriziösen Kurven drängen sich in den Raum, als müssten sie mit modernsten Terminals konkurrieren; im Obergeschoss stehen der stillen Pracht der alten Gliederungen lichtdurchlässige Gehflächen gegenüber, auf denen Benutzern Ausgleiten und unerwünschte Sichtbeziehungen drohen.

Im Lesesaal kann man Ruhe vor den lauten Reizen finden. Dieser wird sich zu dem anschließenden Magazin Labroustes öffnen, wo achtzig weitere Arbeitsplätze entstehen sollen. Mit seinen aus Rosten bestehenden Laufgängen und Treppen, verstellbaren Regalen aus Holz und Metall und einem pneumatischen Aufzug erinnert es an gigantische Maschinenräume in Schiffsrümpfen. Weniger exponierte Ausstattungen - beispielsweise das gesamte Bibliotheksmobiliar des Saals, der den Namen Pascals trägt - wandern allerdings auf den Müll.

Überhaupt geizt man nicht mit verändernden Eingriffen: Beim neuen Eingang von der Rue Vivienne her werden drei Fenster kurzerhand in Eingänge verwandelt, das Untergeschoss durch eine Brücke zum Garten partiell kaschiert - und die Einheitlichkeit der Fassade Labroustes empfindlich gestört. Die Rotunde aus dem Jahr 1867, deren mächtiger Zylinder das Geviert an der Rue de Richelieu fernwirksam akzentuiert, wird ein weiterer Eingang, das großzügige innere Volumen wird ein Zwischengeschoss entstellen. Am 9. November 2009 wurde das Projekt von der Nationalen Kommission genehmigt. So wird Frankreich an exponiertester Stelle ein Exempel statuieren, das sich nirgendwo zur Nachahmung empfiehlt. SABINE FROMMEL

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