24.05.2009 · Aus Antigua nach New York: Von der postkolonialen Erfahrung und dem verlorenen Paradies kann man auch ohne Lärm erzählen
Ihre Bücher sind schmal, die Sätze schlank, und ihre Sprache ist so klar und schnörkellos wie Gipfellinien von Stranddünen aus feinem Sand, wenn sie der Seewind lang und stetig blankgeschliffen hat. Doch die Geschichten, die sie uns erzählt, entfalten eine nachhaltige Kraft, der man sich, einmal in ihren Bann geraten, kaum entziehen kann. Die stärksten sind Erzählungen vom Aufwachsen in einer Welt, die sich dem Blick nur zögernd enträtselt und die, sobald sie endlich sich der Wahrnehmung wie der vertrauten Sprache öffnet, nur immer fremder wird und schließlich schwindet. Damit schildert jede dieser Kindheitsgeschichten einen erneuten Auszug aus dem Paradies. Und so vollzieht Jamaica Kincaids ganz besondere Spielart dieses großen alten Themas zugleich die historische Entwicklung der Karibik nach, jener wunderbaren Inselwelt, die einst den europäischen Entdeckern wie das Paradies erschien, aus dem sie allerdings, kaum war es ihnen durch Benennung zum Besitz geworden, bald sämtliche Bewohner wie auch sich selbst vertrieben. Denn nur im Unverfügbaren gedeiht das wahre paradiesische Gewächs; der Rest ist künstlich. Vor allem mit "Annie John", dem Kindheitsbuch von 1985, das ihr weltweit den Durchbruch brachte, sowie dem Folgeroman "Lucy" von 1990, das dessen Geschichte verwandelt fortsetzte, gelang es der karibisch-amerikanischen Autorin, diese grundlegende Spannung künstlerisch überzeugend zu gestalten.
Geboren und aufgewachsen in Antigua - wirklich kaum mehr als eine einzige große Sanddüne im Ozean -, machte sich Elaine Potter Richardson, wie sie zu jener Zeit noch hieß, mit siebzehn Jahren nach New York auf, um als Au-pair-Mädchen ihr Glück zu suchen und die daheim gebliebene Familie mit Geldsendungen zu versorgen. Es sind die hoffnungsvollen Jahre des postkolonialen Aufbruchs - Antigua wurde 1966 aus britischer Kolonialherrschaft entlassen - wie der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Zehn Jahre bahnte Elaine Richardson sich mühsam und mit allerlei Gelegenheitsarbeiten ihren Weg durch die fremde Großstadt, bevor sie 1976 für den "New Yorker" entdeckt und von diesem angesehenen Magazin, dessen gesamtes Personal damals von weißen und vor allem männlichen Absolventen der Ivy-League-Universitäten dominiert war, unter Vertrag genommen wurde. Fast zwei Jahrzehnte hat sie diese Position gehalten und produktiv genutzt. Unter den späteren autobiographischen Veröffentlichungen ist insbesondere "Mein Bruder" von 1997 bemerkenswert, ein bewegendes Erfahrungsprotokoll, das ganz ohne Tränenseligkeit einem Aids-Kranken beim Abschied folgt. Mit ihrem literarischen Werk, erstmals 1983 in Buchform publiziert, wurde Jamaica Kincaid schnell zur Pionierfigur jener ersten Generation weiblicher Stimmen aus der karibischen Diaspora, die sich weithin Gehör verschaffen konnten und damit den Kanon männlicher Autoren, der sich zuvor bereits formiert hatte, zu entgrenzen halfen. Doch auch wenn sie in manchen ihrer Texte scharfe und polemische Töne anschlägt, um mit alten Machtgeschichten abzurechnen, hat sie das Gespräch mit dem Kanonisierten niemals aufgekündigt oder abreißen lassen. Nicht von ungefähr heißt die heranwachsende Heldin ihres zweiten Romans Lucy und bietet unerwartet klar ein Echo der verführerischen Luzifer-Figur in John Miltons großem Epos aus dem siebzehnten Jahrhundert: Denn nur als verlorenes lässt sich auch dieses Paradies erzählen. Für künftige Geschichten und Verführungen dürfen wir uns daher von der Autorin wünschen, dass sie weiteren Verlusten dieser Art nachspürt. Am heutigen Montag feiert Jamaica Kincaid ihren sechzigsten Geburtstag. TOBIAS DÖRING