21.05.2009 · Ein vergessener und verkannter Maler wird wiederentdeckt: Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zeigt Werke des Niederländers Jacob Backer.
Zwei Maler des Goldenen Zeitalters. Den einen bringen Frauengeschichten, Schulden und Rechtshändel mit seinen Auftraggebern ins Gerede; um den anderen bleibt es still, weder hat er je geheiratet noch auch nur ein Haus gekauft, nie hat er vor Gericht gestanden. Den einen kennt jeder: Rembrandt (1606 bis 1669). Den anderen fast niemand und außerhalb der Niederlande schon gar nicht: Jacob Backer (1608/09 bis 1651). Könnte es sein, dass beides zusammenhängt? Dass der auffällige Lebenswandel den Künstlerruhm angeheizt, der unauffällige ihn abgekühlt hat? Diese sehr heutige Frage wird von einer Ausstellung des Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen zwar nicht gestellt, aber doch angespielt: "Der große Virtuose" soll Jacob Adriaensz Backer aus Rembrandts Schatten holen.
Da war er nicht immer gestanden. Schon 1642, beide sind in den Dreißigern und noch nicht im Zenit ihres Könnens, begegnen sie sich auf Augenhöhe: "Es gibt diesen weit berüchtigten Rembrandt; diesen berühmten Jan Lievensz; diesen hochgeachteten Backer", schreibt Philips Angel in seiner Abhandlung über die Historienmalerei und die Macht der Intervention. Und der Antwerpener Maler und Kunsthändler Jean Meyssens befindet sieben Jahre später: "Jacob Backer ist ein exzellenter Maler auf großem Format, stark erneuernd, und ein guter Kolorist."
Bis ins achtzehnte Jahrhundert gilt der Sohn eines Bäckers aus Harlingen, der in den vierziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts Persönlichkeiten der Amsterdamer Elite porträtiert hatte, als neben Govert Flinck und Bartholomeus van der Helst renommiertester Historienmaler. Dann breitet sich der Mantel des Vergessens über ihn, und als ihn Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der französische Kunsthistoriker Théophile Thoré-Bürger, der Jan Vermeer und Frans Hals wiederentdeckt, darunter hervorholt, wertet er ihn, Folge einer ungenauen Lektüre, zum Schüler und Epigonen von Rembrandt ab. Erst in den achtziger Jahren wird Backer von der Fehleinschätzung erlöst, und die Aachener Ausstellung, die schon in Amsterdam zu sehen war, räumt vollends mit ihr auf: Obwohl in Konkurrenz zu Rembrandt, hat sich Backer unabhängig von ihm entwickelt - als dessen Gegenspieler und Antipode.
Das Gesicht der jungen Frau leuchtet. Wie ein Stern tritt es aus dem nachtschwarzen Hintergrund, in dem die Haare sie noch festzuhalten scheinen. Offen stellt sich ihr Blick dem Betrachter und schaut doch auf ihn herab, so sehr ruht sie in ihrer Schönheit und ihrer Unberührbarkeit. Tief ausgeschnitten ist das Dekolleté, knapp umfasst der silbrig schimmernde Satin den Busen, um gerade schwelgerisch um Körper und Beine zu fließen. In subtilsten Schraffuren lassen die Falten ihres Gewands das Licht oszillieren, fast scheint es so, als würde - Triumph der Sinnlichkeit - die Textur der Haut darunter hervortreten. Auf dem Kopf trägt sie einen Lorbeerkranz, in der Hand einen Lorbeerzweig, Attribute der Muse, die drei Blasinstrumente auf dem Tisch identifizieren lassen: "Porträt einer Frau als Muse Euterpe" (1649). Aber ist es nicht eher eine Charakterstudie im Stil der Zeit? Backer hält es kunstvoll in der Schwebe.
Auch das "Porträt der zwanzigjährigen Markgräfin Maria Elisabeth von Brandenburg-Bayreuth" (1649), die Backer im Kostüm der Diana zeigt, gefällt sich in solcher Anverwandlung. Keusch schließt eine mondsichelförmige Brosche ihr Dekolleté, während die im Habitus der venezianischen Kurtisane auftretende "Junge Frau mit Fächer" (um 1644) ihre Reize mit fliegenden blonden Haaren und lasziv verhangenen Augen ausspielt. In den Porträts, gerade von jungen Frauen, erreicht Jacob Backer seine Meisterschaft, und die Aachener Ausstellung verfolgt Entwicklungsstufen seines Weges. Noch während der Ausbildung im Atelier von Lambert Jakobsz in Leeuwarden fertigt er die ersten religiösen und mythologischen Historiengemälde, Heiligendarstellungen und Tronien. Als er um 1632 nach Amsterdam zieht, bleibt er den Genres zunächst treu, bis er sich zwei Jahre später mit zwei Porträts ein vielbeachtetes Entree in der dortigen Kunstwelt verschafft: Vor allem das Gruppenbild der Regentinnen des Burgerweeshuis weist ihn als fortschrittlichen Maler aus, und wie er ein zweiundsechzigjähriges Ehepaar ins Bild setzt, lässt neben wachsender Routine eine Öffnung zum Experiment erkennen.
Immer sicherer und raffinierter wird seine Technik, klarer die Farbgebung, lockerer der Pinselstrich, ausgeprägter der Sinn für Linienführung und Plastizität, das Gespür für Farb- und Helldunkel-Kontraste. Nach Belieben scheint Backer Gesichtern eine genaue Präsenz und Lebensechtheit geben zu können, und so wächst er zum Virtuosen der Porträtmalerei, dem sich die Spitzen der Stadtgesellschaft - Regenten, Kaufleute, Goldschmiede, Geistliche und Gelehrte - anvertrauen. Auch zum Vergleich mit Rembrandt tritt er an. Beide haben den remonstrantischen Prediger Johannes Wtenbogaert porträtiert, doch während Rembrandt ihn 1633 eine formale Pose einnehmen lässt, entwaffnet Backer ihn fünf Jahre später förmlich, indem er ihn, und das vermittelt einen ehrlicheren, lebendigeren Eindruck, beim Aufsehen von seinem Schreibtisch zu überraschen scheint.
"Backer konnte besser malen als Rembrandt", sagt Peter van den Brink, "treffsicherer, schneller, frischer." Zwei Jahre lang hat der Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums die erste monographische Ausstellung des Malers in Deutschland vorbereitet, 35 Werke ihm neu zuschreiben können und, zum vierhundertsten Geburtstag, den ersten OEuvre-Katalog erarbeitet. 42 Gemälde, etwa ein Drittel des OEuvres, und achtzehn Zeichnungen, darunter exquisite Aktstudien, sind in Aachen versammelt. Wer sich ansieht, wie hier ein lange Vergessener und Verkannter wieder ins Licht tritt, den beschäftigt weniger die Frage, ob Peter van den Brink recht hat, als die Bereitschaft, sich mit seiner provokanten These auseinanderzusetzen. Andreas Rossmann
Jacob Backer: Der große Virtuose. Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, bis 7. Juni. Der Katalog kostet 39,95 Euro.