07.08.2009 · Erstmals liegt eine vollständige Hörbuchfassung von Anne Franks Tagebuch vor. Darin findet die Schauspielerin Fritzi Haberlandt zu einem wunderbar ungekünstelten und dabei allen Reflexionen zugänglichen Ton.
Lange bevor in Deutschland über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung diskutiert wurde, waren es Einzelwerke, die erste Anstöße schufen für die Beschäftigung Nachwachsender mit der deutschen Vergangenheit. Bernhard Wickis Film "Die Brücke" (1959) gehörte dazu oder Alain Resnais' "Nuit et brouillard" (1955). Dem Wissen um das Ganze geht da die Vorstellungskraft voraus. Sie entzündet sich am Detail, aber gerade das - ein Bild, ein Einzelschicksal - brennt sich ins Gedächtnis ein. In diesem Zusammenhang steht auch das Tagebuch der Anne Frank. Die Geschichte des jüdischen Mädchens, das in einem behüteten Elternhaus aufwächst, sich im Sommer 1942 mit ihrer Familie und einigen anderen Verfolgten in einem Amsterdamer Hinterhaus verstecken muss, bis die Untergetauchten dort zwei Jahre später von der Gestapo entdeckt und deportiert werden, erschien 1950 in Deutschland. Erreichten Bücher, Filme, Theaterstücke über die Diktatur der Nationalsozialisten damals oft nur kleine Kreise, so gelang es diesem Buch, in die Tiefen der Gesellschaft einzudringen. Millionen von Lesern machte es erstmals mit einem jüdischen Schicksal vertraut.
Seither sind Hunderte von Sekundärschriften erschienen, Unterrichtsmaterialien, Ausstellungen, Rundfunksendungen, Filme, Theaterbearbeitungen und sogar ein Musical. Nicht viele Werke der Weltliteratur können sich einer solchen Aufmerksamkeit erfreuen. Inzwischen sind zahllose Erinnerungen Überlebender erschienen, die immer wieder die Greuel der NS-Maschinerie wachrufen. Anne Frank und ihr Tagebuch scheinen darüber fast ein wenig vergessen, vielleicht weil sie nicht die Schrecken der Deportation, sondern ein Leben im Verborgenen schildern, dem zwar die Angst vor dem Entdecktwerden eingeschrieben ist, das aber auch und vor allem der Roman einer Kindheit ist. Schon deshalb ist das Hörbuch, das jetzt - Anne Frank wäre dieses Jahr achtzig geworden - erschien, äußerst verdienstvoll. Es ist die erste vollständige Hörfassung des Werks, und vor allem: Es bedient sich der Übersetzung von Annes Vater Otto Frank und Mirjam Pressler, die 1991 erschien. Viele, die die erste Fassung von 1950 zur Hand nahmen, waren ja des Glaubens, sie hätten ein Original vor sich. Dabei war das Tagebuch, erstmals 1947 unter dem Titel "Het Achterhuis" (Das Hinterhaus) veröffentlicht, in Niederländisch geschrieben und erreichte deutsche Leser lediglich in einer Übersetzung, die weder vollständig war noch dem Sprachduktus einer Vierzehnjährigen so recht entsprach.
Schon beim Hineinhören in diese neue, die "einzig autorisierte und ergänzte Fassung" von 1991 liegt der Unterschied klar auf der Hand. Da begegnet uns tatsächlich die Sprache eines Backfisches der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit allen damaligen Wendungen und Worten ("Bammel", "Pingpong", "Kavalier"), den ausführlichen, salopp gegengesteuerten Seelenerkundungen und überhaupt jener Mischung von Schwärmerei und Koketterie, wie sie schon sprachlich ihren klaren chronologischen Bezugspunkt hat. Wie aus einer anderen Welt kommen da die beiden anderen Hörbuchfassungen daher, die noch auf der Erstausgabe der fünfziger Jahre basieren.
Die Schwere und Getragenheit, die die Schauspielerin Ingrid Andree dem halbstündigen Auszug des Tagebuchs in einer Aufnahme von 1981 verleiht, folgt zwar den Schattierungen und "Stimmungen" einer zutiefst traurigen Geschichte, macht aber aus dem Mädchen Anne Frank eine Kunstfigur. Das mag zur Oberflächlichkeit und Gespreiztheit der damaligen Übersetzung passen. Zum Wesen aus Fleisch und Blut wird Anne Frank so nicht. Anders behalfen sich die Autoren einer halbstündigen Hörspielversion des Rias Berlin aus dem Jahr 1985, die ebenfalls als Hörbuch vorliegt. Für den Kinderfunk geschaffen, verbindet sie kleine Spielszenen mit gelesenen Passagen, enthält sich dabei jedes aufgesetzten Pathos und überzeugt durch Ehrlichkeit. Jörg Jannings, der hier Regie führte, hatte sich damals intensiv mit dem Schaffen von George Tabori auseinandergesetzt und zahlreiche Funkversionen seiner Stücke geschaffen. Das prägt auch diese kleine Produktion.
Zweifel über Sprachwelten, Sprechweisen und "Versionen" schwinden nun bei der Edition des Argon Verlags, die in Fritzi Haberlandt eine Sprecherin hat, die sich in keinem Augenblick "präsentiert". Haberlandt, die über einen wunderbar mädchenhaften, ungekünstelten, dabei allen Reflexionen zugänglichen Ton verfügt, liest nicht - wie noch ihre Kollegin Ingrid Andree - das Verhängnis, sie liest, indem sie Geschriebenes von Gewusstem trennt, die Geschehnisse und wie die aus der Sicht einer Vierzehnjährigen notiert sind. Sie entzieht ihnen gleichsam die Grauschleier, die sich mit einer jahrzehntelangen, nicht immer angemessenen Rezeption über das Werk gelegt haben. So scheint es, als würden wir erst hier aller Nuancen und Farben dieses Tagebuches gewahr, das in einer unerhörten Frische und Detailversessenheit geschrieben ist und Lebenslust noch in den dunkelsten Momenten zum Antriebsmotor hat. Die nur scheinbare Sicherheit eines geordneten Familienlebens mit Marmeladenkochen und Gesprächen am Abendbrottisch steht da auf gleicher Höhe mit den Ängsten und Verzweiflungen sowie den ausgedehnten Selbsterkundungen. Überscharf zeichnen sich in der Enge des Eingeschlossenseins die Konflikte unter den so unterschiedlichen Menschen ab.
Das Mädchen erfährt die Spannungen des unfreiwilligen Miteinanderlebens und Aufeinanderangewiesenseins wie in einem Crashkurs, dazu Pubertät, "das Kapitel ,Vater und Mutter verstehen mich nicht'", die Selbstzweifel, denen gegenüber sie immer wieder trotzig auf ihrem eigenen Wesen beharrt. Sie ist gläubig auf ihre Weise, altklug, aber auch voll zunehmender Reife, hat vorlaute Urteile (die sie später revidiert), ergeht sich in Klatschgeschichten und Schwärmereien. Was ihr an Erfahrung verwehrt ist, findet im Kopf statt, wo sich ein Universum abbildet. Mit den Schrecken der Deportationen hat dieses Buch in der Tat wenig zu tun. Doch sie bleiben nicht ausgespart. Informiert durch Augenzeugen und durchs Radio, hat man sie in diesem Amsterdamer Hinterhaus jederzeit vor Augen, und es ist erstaunlich, wie viel das Mädchen darüber weiß. Ist es Gabe oder Verdrängung, dass sie sich dennoch über so weite Strecken hin und so ausschließlich ihren kleinen und großen Kümmernissen und Freuden widmen kann?
Überlegungen dieser Art verfliegen, hört man Fritzi Haberlandt zu. Sie ist ganz Gegenwart der Schreibenden, ist aufgeregt, aufgekratzt, staunt, gibt die Anne Frank so, als ob die gerade ihrer Tagebuch-"Freundin" Kitty frisch von der Leber weg erzählt, was sie soeben erlebte. Dabei hält sie den epischen Ton des "Aufschreibens" in seiner mitteilenden Nüchternheit durch. Alles andere als verharmlosend, ist das eine große sprecherische Leistung, deren Gefahr - Monotonie - durch den von Episoden schier berstenden Text schnell gebannt wird. Am Ende, und da verändert sich auch Fritzi Haberlandts Ton, werden die Gedanken bitterer, kreisen um Entdeckung, das Ende, den Tod.
Einmal noch, am 21. Juli 1944, da war die Nachricht vom Attentat auf Hitler zu ihr gedrungen, notiert Anne: "Nun endlich geht es gut." Doch das sollte ein schnell verfliegender Augenblick bleiben. Auf einer Extra-CD ist dem Hörbuch ein - leider undatierter - Brief von Otto Frank, Annes Vater, beigegeben, der vom Schauspieler Buddy Elias vorgelesen wird, einem Cousin von Anne. Erst er ist es, der uns über die Umstände informiert, in die die kleine und erst durch ihr Schicksal so groß gewordene Erlebniswelt der Anne Frank am Ende hineingeriet. Christian Deutschmann
Anne Frank: "Tagebuch". Gelesen von Fritzi Haberlandt. Argon Verlag, Berlin 2009. 9 CDs, 635 Min., 29,95 [Euro].
Anne Frank: "Tagebuch"; Janina David: "Ein Stück Himmel". Jeweils Auszüge, gelesen von Ingrid Andree, , Deutsche Grammophon, Berlin 2004, 1 CD, 74 Min., 5,99 [Euro].
"Das Tagebuch der Anne Frank". Hörspiel. Deutsche Grammophon, Berlin 2004, 1 CD, 39 Min., 11,40 [Euro].