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Hilfe! Afrika ist nicht zu helfen

Provinzschwarz: Schlingensiefs Münchner Operndorf

Opernreise nach Afrika. Nein, nicht zu "Aida" bei den Pyramiden. Sondern nach Burkina Faso. Dort errichtet seit Beginn dieses Jahres Christoph Schlingensief "Remdoogo", das "Operndorf Afrika". Kein Vergleich mit dem Operntempel im brasilianischen Urwald, den einst Kautschuk-Barone bauten. Schlingensiefs Afrika-Oper will mehr: die weite Umarmung der Menschen. Es sei an der Zeit, sich in das gegenseitige Verstehen einzuüben. Im Operndorf werden Schulen, Film- und Musikklassen, Probenräume, ein Gästehaus, eine Theaterbühne, Festsaal, Café, Restaurants, Büros, Werkstätten, ein Fußballplatz und eine Krankenstation entstehen: Oper als Gesamtkunstwerk des Lebens. Schöne Pläne, für die vorerst vor allem Geld gesucht wird.

Zurzeit liegt "Remdoogo" nicht in Burkina Faso, sondern in München hinter der Staatsoper auf dem Marstallplatz. Dort erblickt man ein metallisch glänzendes, vielfach gezacktes Riesengebirge mit einer weiten, leicht ansteigenden ochsenblutroten Schrägfläche für den Aufstieg ins Innere, das ein bekanntes Wiener Architekturbüro mit bewährter Originalität entwarf. Die Originalität hört allerdings hinter der Außenhaut schnell auf. Drinnen sitzen dreihundert Besucher in einer ganz normalen Studiobühne und schauen von steil aufsteigenden Gerüstplätzen auf die davor liegende Spielfläche: "Pavillon 21" ist zwar variabel benutzbar, aber das gibt es schließlich schon lange auch andernorts. Außerdem erlebt man auch in klassischen Opernhäusern immer wieder Aufführungen, die weit über das traditionelle Guckkastentheater hinausführen. Die Münchner Oper gibt sich neuerdings gern neu und erfindungsreich, was ziemlich provinziell wirkt - weil die Erfindungen nicht mehr neu sind.

Zum Beispiel Luigi Nono: Auf dessen szenische Aktion "Intolleranza" greift Christoph Schlingensief mit seinem jetzt zur Münchner Festspieleröffnung uraufgeführten Projekt "Via Intolleranza II" ausdrücklich zurück. Schlingensief projiziert Nonos politisches Engagement - gegen Intoleranz, Rassismus, staatliche Willkür - auf unser Verhältnis zum gegenwärtigen Afrika. Dabei wird viel geredet - und werden Klischees bedient.

Schlingensief gibt gern zu, dass er von Afrika nichts versteht, wie wir alle, aber ihn packt darüber auch eine unheimliche Wut. Diese Wut lässt ihn zum Wissenden werden. Das Sympathische an Schlingensiefs Auseinandersetzung mit dem zugegeben äußerst differenzierten und schwer zu fassenden Thema Afrika ist die fragende Ungewissheit, das vorsichtige Vorantasten. Schlingensief blickt nicht als europäischer Forscher auf den Gegenstand Afrika, sondern versucht sich weniger mit dem Verstand, vielmehr mit einem Gefühl oft der Ohnmacht und Verzweiflung in die Seele Afrikas zu versetzen.

Für seine Spurensuche nach innen fand Schlingensief in Ouagadougou ein Dutzend engagierte Mitstreiter: Sänger, Tänzer, Schauspieler, eine vitale Komikerin, einen Gitarristen, zwei Rapper, einen Trompeter. In zehn Szenen werden bestimmte Verhaltensweisen theatralisch vital, musikalisch oft eher dürftig und mit vielen Filmbildern (aus einem alten Stummfilm nach Dantes "Göttlicher Komödie") lebhaft durchgespielt.

Schlingensief ist stets Theatraliker. Ob im "Parsifal" in Bayreuth oder hier bei "Afrika": Die Assoziationsmaschinerie läuft auf Hochtouren, Rätselbild folgt auf Rätselbild. Immer wieder kommt Schlingensief, der auch Regie führt, auf die für ihn zentrale Frage zurück, ob die Schwierigkeiten, die wir oft mit Afrika haben, nicht in den eigenen Schwierigkeiten mit uns selbst begründet sind. An einer Stelle klingt leise ein "Tristan"-Motiv auf: unsere heimliche Neigung zum Transzendieren, die uns zugleich vor der Welt abkapselt.

Schlingensiefs "Operndorf" möchte diese Verkapselung wohl durchbrechen. Ein schönes, fernes Ziel? Nach den Münchner Opernfestspielen wird der mobile "Pavillon 21" mit "Intolleranza II" in andere Städte weiterziehen, die wütende Botschaft des Christoph Schlingensief vielen Menschen zu überbringen. Dagegen ist nichts zu sagen. GERHARD ROHDE

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 27.06.2010, 15:55 Uhr