20.07.2008 · Wagners "Siegfried", zwei Mozart-Opern, je eine von Haydn und Händel sowie die Uraufführung von Pascal Dusapins "Passion" - das Musikfestival von Aix-en-Provence präsentierte sich bunt gemischt.
AIX-EN-PROVENCE, im Juli
Sechzig Jahre "Festival d'art lyrique d'Aix-en-Provence" - eigentlich keine Jubiläumszahl wie "Fünfzig" oder "Hundert". Heute aber muss man jede Gelegenheit zum Feiern nutzen, wer weiß, "wie lange noch der Globus sich dreht" - wie es in einer bekannten Operette heißt. Also feiert Aix sein traditionsreiches Festival. Ein üppiger Bildband zum Geburtstag beschwört Erinnerungen: zum Beispiel an den ersten "Don Giovanni" anno 1949 in A. M. Cassandres genialen barocken Prospekten auf der damals viel kleineren Bühne im Innenhof des ehemaligen erzbischöflichen Palais.
Mehr als zwanzig Jahre stand die Aufführung, mit gelegentlichen Unterbrechungen, auf dem Programm: als Markenzeichen des Festspiels und als Huldigung an einen seiner guten Geister: Mozart. Als südfranzösisches Salzburg ließ sich Aix gern titulieren, und wer die Namen der Sänger und Sängerinnen liest, die damals unter der befeuernden Anleitung Hans Rosbauds den "Style Mozartienne d'Aix-en-Provence" kreierten, der weiß, dass der Vergleich keine Hochstapelei war: In Aix wurde Mozart vollendet gesungen - dafür bürgten Leopold Simoneau, Luigi Alva, Nicolai Gedda, Theresa Stich-Randall, Nan Merriman, Suzanne Danco und die junge Teresa Berganza.
Mit "Così fan tutte" hatte das Aixoiser Festival im Sommer 1948 begonnen. Bernard Foccroulle, der im zweiten Jahr jetzt als Nachfolger Stéphane Lissners das Aixer Musikfestival leitet, verrät in seiner Programmgestaltung viel Sinn für Tradition. Selbstverständlich verlangte diese Tradition nach einer neuen "Così fan tutte", als Geburtstagsgeschenk sozusagen. Die Oper wird von avancierten Regisseuren oft weniger als heitere Musikkomödie mit Tiefgang inszeniert, dafür umso verbissener als Schule des Quälens. Nichts davon jetzt in Aix. Der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami bringt Kinoerfahrungen in seine Inszenierung ein: Bewegte Filmsequenzen suggerieren ganz naturalistisch ein neapolitanisches Kaffeehaus sowie eine Golflandschaft mit mittelmeerblauem Wellenkräuseln. In hellen, gepflegten Interieurs bewegen sich die Damen in eleganten weißen Gewändern. Die Herren lassen für ihre Be-und Verkleidungen beim besten Schneider arbeiten. Alle bewegen sich lebhaft und anmutig, die Regie achtet auf übersichtliche Arrangements. Auf psychoanalytische Tiefenbohrungen wird verzichtet. "Così fan tutte" als flüssig ablaufendes "Wett-Spiel" mit Musik, die dann zum Ende hin sogar auf einem großen Prospekt im Hintergrund als Double erscheint: Christophe Rousset mit der Camerata Salzburg als optischer Doppelpack, im Orchestergraben und auf der Kinoleinwand. Rousset und die Salzburger Musiker finden nach reichlich hektischem Beginn dann doch zu einem sprechenden, ausdrucksvollen Mozart-Musizieren.
Ausgewogen auch das Sängerensemble: "Fiordiligi" Sofia Soloviy singt mit dramatischem Furor ihre Felsenarie, Jana Vuletic findet für die Dorabella einen schönen, dunkel gefärbten, sinnlichen Ton, Judit van Wanroijs Despina befreit die Figur mit dramatischem Nachdruck endlich einmal von der fröhlichen Piepsmaus. Pavol Breslik als Ferrando sang einen schlanken, sehr kantablen Mozart, Edwin Crossley-Merces Guglielmo verband expressiven Gesang mit plastischer Tongebung und lebendigem Spiel. William Shimells Don Alfonso war allzu ältlich-tüdelig angelegt.
Im Augenblick trägt das Festival d'Aix noch schwer an Wagners "Ring des Nibelungen". Über die "Siegfried"-Premiere wurde schon berichtet (F.A.Z. vom
15. Juli). Im nächsten Jahr steht noch die "Götterdämmerung" an: Schon jetzt darf man feststellen, daß diese Gemeinschaftsproduktion von Aix-Festival und Osterfestspielen Salzburg der "Ring"-Rezeption keine neuen Perspektiven zugeführt hat.
Bernard Foccroulle möchte in Zukunft dem Aixoiser Festival wieder mehr eigenes Profil zurückgeben, auch im konzertanten Bereich. Koproduktionen bei der Oper werden aber weiterhin erforderlich sein. Mozarts "Zaide" aus Wien (F.A.Z. vom 24. Mai 2006) und Händels "Belshazzar" aus Berlin (F.A.Z. vom 4. Juni) wurden jetzt auch in Aix gezeigt. Eine Bereicherung des Festspielprogramms bringt auch die Beteiligung der Académie Européenne de Musique, diesmal mit einer geschliffenen szenischen Aufführung von Haydns "L'Infedeltà delusa": Ein kurzweiliges amouröses Quiproquo mit fünf Personen, von den Studenten der Akademie mit bemerkenswerter Professionalität gesungen und gespielt. Der junge Dirigent Jérémie Rhorer ließ Haydns fein und charaktervoll komponierten Arien und Ensembles alle Sorgfalt zukommen.
Zur Aixer Tradition gehörte früher immer auch eine kleinere oder größere Opern-Uraufführung. Diesmal erhielt der französische Komponist Pascal Dusapin den Auftrag. Er schrieb die Kammeroper "Passion". Zwei Personen - Lui und Lei, Er und Sie - hangeln sich singend, atemringend, stockend, mit schmerzvollen Haltungen und Bewegungen am nur abstrakt gedachten Orpheus-und-Eurydike-Mythos entlang. Leidenschaften, Schmerz, Begierden, Seelennot, Trennung werden als innere Stationen durchgespielt. Dusapins Musik beschwört bewusst den Geist Monteverdis, findet dabei eigene Farben und Formulierungen für einen erneuerten Belcanto-Stil. Ein wenig sanft und gleichförmig fließt alles dahin (das Ensemble Modern unter Frank Ollu setzt gleichwohl kräftigere Akzente). Die Inszenierung und das Bühnenbild von Giuseppe Frigeni wirken wie eine sehr elegante, sehr mondäne Rauminstallation: mehr Design als energischer Zugriff auf den Inhalt. Ließe sich daran etwas ändern, zum Vorteil für Dusapins Werk? GERHARD ROHDE