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Glosse Feuilleton Weiße Weihnacht

22.11.2009 ·  Weihnachten kündigt sich an wie jedes Jahr: Lebkuchenregale im Supermarkt, Plastiktannenschmuck in der Fußgängerzone, allgemeine Verhüttelung der öffentlichen Plätze. Dass Weihnachten auch das Fest der Liebe sein soll, kommt bei diesen kommerziellen Strategien oft zu kurz.

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Weihnachten kündigt sich an wie jedes Jahr: Lebkuchenregale im Supermarkt, Plastiktannenschmuck in der Fußgängerzone, allgemeine Verhüttelung der öffentlichen Plätze. Dass Weihnachten auch das Fest der Liebe sein soll, kommt bei diesen kommerziellen Strategien oft zu kurz. Das wird sich auch Franco Claretti gesagt haben, der seit dem Sommer die kleine italienische Gemeinde Coccaglio regiert. Er hat eine Kampagne eröffnet mit dem Ziel, bis zum 25. Dezember sämtliche illegalen Zuwanderer aus seinem Gemeindegebiet zu entfernen. Die Idee scheint einem anderen saisontypischen Brauch abgeschaut: der Treibjagd. Mit dem Einwohnerregister in der Hand klingeln Beamte an den Türen jener vierhundert Zuwanderer, bei denen seit mindestens sechs Monaten die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Sollte sich herausstellen, dass sie keinen Antrag auf Erneuerung der Papiere gestellt haben, wird den Betreffenden das Wohnrecht in Coccaglio entzogen. Bürgermeister Claretti will als Mitglied der "Lega Nord" gegenüber der Tageszeitung "Repubblica" nicht den Verdacht aufkommen lassen, er kämpfe mit kriminellen Immigranten unter den offiziell 1562 Nichtitalienern. "Bei uns gibt es keine Kriminalität, wir wollen nur saubermachen." Auch hier schwingen also uralte Bräuche mit. Das liebe Christkind soll ein aufgeräumtes, adrettes Gemeinwesen vorfinden, wie dies auch der Sicherheitsassessor Claudio Abiendi bündig formuliert hat: "Für mich ist Weihnachten kein Fest der Gastlichkeit, sondern der christlichen Tradition, also unserer Identität." Wenn bis zum Heiligabend alles glattgeht, dürfte sich der Anteil der Marokkaner, Albaner, Kosovaren unter den siebentausend Coccaglionern um vierhundert Elemente verringert haben. Das ist kein Pappenstiel in einem Ort, wo bald ein Fünftel der Menschen nicht italienischen Ursprungs ist. Die kleinen Fabriken im Umland von Brescia haben viele Billiglohnarbeiter angezogen. Doch die werden in der Krise nicht mehr alle benötigt, weshalb die umliegenden Gemeinden die Initiative von Coccaglio bereits kopieren. Und weil das kalendarisch so gut passt, hat die Lega der Kampagne einen leicht fasslichen Namen gegeben: "White Christmas". Maria, Joseph und Bing Crosby dürften - und wenn auch nur in einer lombardischen Weihnachtskrippe - als Zeichen ihrer christlichen Identität zustimmend und träumerisch in den Knien mitwippen. Jetzt ist die Zeit, da alle Welt geschätzet werde, ein jeglicher in seiner Stadt. dsch

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