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Glosse Feuilleton Miserere

19.07.2009 ·  Die Finanzmisere trifft auch den Musikbetrieb in Italien. Dort wurden die Opernhäuser vor zehn Jahren vom staatlichen Gängelband befreit und in Stiftungen umgewandelt. In Wahrheit entledigte sich der Staat dadurch auch der Verantwortung für den Etat.

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Die Finanzmisere trifft auch den Musikbetrieb in Italien. Dort wurden die Opernhäuser vor zehn Jahren vom staatlichen Gängelband befreit und in Stiftungen umgewandelt. In Wahrheit entledigte sich der Staat dadurch auch der Verantwortung für den Etat. Schon im vorigen Jahr wurden die traditionsreichen Häuser in Neapel und Genua unter Notverwaltung des Kulturministeriums gestellt. Im Frühjahr 2009 folgte Rom. Erst in der kommenden Spielzeit wird sich erweisen, welches Haus ohne Sponsorengelder als nächstes dran ist. Am Teatro La Fenice in Venedig bröckelt es schon. Dort sollte im Oktober am "Teatro Malibran" Händels "Agrippina" aufgeführt werden. Dieser Leckerbissen zum Händeljahr, exakt dreihundert Jahre nach der Uraufführung am selben Ort, ist bereits in die Lagune gefallen, weil die Direktion das ursprünglich verpflichtete Barockensemble "Europa Galante" wieder auslud. Nun weigerte sich auch Dirigent Fabio Biondi, Händel mit dem Hausorchester des "La Fenice" auf modernen Instrumenten einzustudieren. Auch die immer wieder von Streiks geplagte Mailänder Scala brachte ihren diesjährigen Jubiläums-Händel, eine fade "Alcina", fast ausschließlich mit modernen Instrumenten zustande. Dieweil stiftet Riccardo Muti die Erträge eines Dirigats von Jommellis Oper "Demofoonte" beim Festival von Ravenna für das notleidende Opernhaus von Neapel - brüderliche Hilfe als Tropfen auf den heißen Stein. Immerhin wird in Italien unter Ausschluss der Öffentlichkeit noch großartige opera seria für Tonträger aufgenommen. Zuletzt im venetischen Lonigo vom "Complesso Barocco" unter Alan Curtis. Doch dieser rare "Ezio" von Niccolò Jommelli wird nun, entgegen den Planungen, weder in Innsbruck noch in Jommellis Geburtsstadt Aversa bei Neapel gespielt. Stattdessen ist das Orchester nach fertigen Aufnahmen dann mal kurz weg - in Santiago de Compostela, wo das Interesse an alter italienischer Oper größer ist als im Mutterland. Dasselbe gilt für Vivaldi. Um eine Oper oder ein Oratorium des venezianischen Geigenpriesters zu hören, fahren italienische Fans inzwischen bis Basel oder Baden-Baden, weil in Italien Funkstille herrscht. Und das nicht nur wegen der Finanzkrise, sondern auch wegen Desinteresses für ein musikalisches Erbe, das kein anderes Land der Welt vorweisen kann. Wo einst Händel und Mozart lernten, hängt heute ein Schild an den Opernhäusern: Chiuso. Opera finita. dsch

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