16.07.2009 · Die Liste der irdischen Paradiese wird immer kleiner: Vanuatu, Niue, all die Pazifik-Oasen mit ihren Zaubernamen geben auf und sogar die Schweiz ist bald nur noch eine halbausgetrocknete Bankenoase. Aber der Begriff Steuerparadies war ohnehin schon immer mit dem Laster infiziert.
Von Urs WidmerIn allen Sprachsystemen, die dazu dienen, ein Unrecht zu verschleiern (also zum Beispiel in dem der Ökonomie), werden die zu diesem Zweck eingesetzten Euphemismen dann am heftigsten orchestriert, wenn das kriminelle Potential, das sie verbergen sollen, am größten ist. Dann müssen die ganz positiv besetzten Wörter her, da reicht dann kein technischer Fachausdruck mehr. „Steueroptimierung“ oder ähnliche Begriffe sind zwar auch schon Euphemismen, aber ihre Verschleierungsleistung ist zu dürftig angesichts der kriminellen Energie, die sich hinter ihnen versteckt.
Ein „Steuerparadies“ oder eine „Steueroase“ beruhigt besser, auch und gerade die Täter. Niemand ist gern ein Betrüger; ein im Paradies oder in einer Oase Willkommener aber schon. Sie sind Rettungsorte. Ringsum, in der bösen Welt, mögen zwar die Kavalleristen der nationalen Steuerfahndung auf ihren Jagdkamelen herumgaloppieren: Dass aber der Herr einen Herrn Steinbrück ins Paradies eingelassen hätte, hat man noch nie gehört. Nüchtern betrachtet, bezeichnen die Begriffe „Staaten oder Gebiete, die keine oder besonders niedrige Steuern auf Einkommen oder Vermögen erheben und so für Kapital aus Ländern mit höheren Steuersätzen attraktiv sind“ (Wikipedia). So klingt's beinah legal.
Die Liste der Paradiese wird dennoch täglich kürzer. Niue, Vanuatu, all die Oasen mit ihren Zaubernamen geben auf. Sogar die Schweiz, die ihr Bankenparadies am liebsten unter den Schutz des Unesco-Weltkulturerbes gestellt sähe, wehrt sich nur noch pro forma. Einziger Hemmschuh bleibt (in der Schweiz und anderswo), dass viele Staatsdiener direkt oder indirekt mit denen verbandelt sind, denen die Steuerparadiese dienen. Wie sollen sie je ins Paradies kommen, wenn sie dessen Verschwinden betreiben?