12.02.2009 · Die Sponsoren geben das Tempo vor: Bonn soll ein neues Konzerthaus bekommen. Die Beethovenhalle, ein Meisterwerk von 1959, steht zur Disposition.
Im sonst eher stillen Kulturfoyer des Bonner "Post-Towers" drückt man sich derzeit die Klinke in die Hand. Alle wollen die vier vorausgewählten sowie die sechs ausgeschiedenen Entwürfe für die neue Beethovenhalle sehen, jenen spektakulären Neubau, der, um es im Jargon der Event-Kultur zu sagen, als Festspielhaus ein weiterer "Leuchtturm" auf dem Weg Bonns in die Höhen einer Kongress- und Kulturstadt werden soll. Mächtige Unternehmen wollen der Stadt einen Konzertsaal schenken. Viele Ungewissheiten begleiten das Projekt. Fest steht nach Meinung der Sponsoren natürlich schon, dass der Neubau "architektonisch und akustisch Weltniveau" bieten wird.
"Bilbao-Effekt" ist ein beliebtes weiteres Schlüsselwort im globalen Städte-Wettbewerb. In Bonn fiel es zwar nicht, ist dafür aber dreidimensional zu betrachten. Zum Beispiel in Gestalt von Zaha Hadids Entwurf. "Diamant" nennt sie ihn, und wie ein bizarr willkürlich geschliffener Kristall wirkt denn auch ihr Konzertsaal, der, rasant schräg von einer Passage durchschnitten, einen großen und einen kleinen Saal birgt. Die weiße Außenhaut - Beton, seidig getrimmter Werkstein ? - ist teilweise perforiert wie Brüsseler Spitze, im Inneren werden die charakteristischen sausenden Schrägen, Keile und Kolben Zaha Hadids von honiggelben Edelhölzern zur Anmutung schimmernder Gralsgrotten gemildert.
Genauso ekstatisch gebärdet sich der Vorschlag der Luxemburger Hermann & Valentiny and Partners. "Die Wellen" heißt ihr Vorschlag, der den Rhein nicht leise à la Heine fließen, sondern dramatisch wie bei Wagner wogen lässt. Zwei fulminante Brecher bäumen sich auf, ein großer für den Haupt- und ein kleiner für den Kammersaal, die über freistehenden kompakten Stützen schäumen, auch sie perforiert wie Klöppelarbeit. Der große Saal scheint wie mit gehämmertem Goldblech verkleidet, halb Alberichs Schatzhöhle, halb Bonds Casino Royale.
Gegen diese beiden exhibitionistischen Sieger wirkt der dritte, vorgelegt von Arata Isozaki, eher in sich gekehrt. Zwar gebärdet sich auch der japanische Architekt als Edelsteinschleifer - "Rhein-Kristall" heißt das Ganze -, doch er verzichtet auf Glanzfeuerwerk. Ein weißer, sozusagen stiller Polyeder innen und außen, arrangiert sich Isozakis Festspielhaus überraschenderweise mit den Anbauten der alten Beethovenhalle, die er mit zwei schmucklosen mächtigen Glaskuben als Foyer und Kleiner Saal ergänzt.
Eine Enttäuschung ist Richard Meier als Vierter der Prämierten. "Beethoven-Plateau" hat er seine Idee genannt - und genau das ist auch zu sehen. Zwei ineinandergesteckte Kuben, einer hoch- einer langrechteckig, wenden sich, der aufragende Mitteltrakt mit einer lochblechartig gestanzten Fassade versehen, dem Rhein zu. Stadteinwärts schwingt ein Annex konvex nach vorn. Er ist der einzige Teil, der inmitten dieser monotonen Geraden und rechten Winkel an die sonstige Beschwingtheit Meiers erinnert. Die wiederum hat der Meister an den vorgelagertern Park delegiert, dessen verschlungene Wege, Rabatten und Stauden dem Lockengewirr der Beethoven-Büste von Émile-Antoine Bourdelle im Altbau nachempfunden sind.
Ihn, der unter Denkmalschutz steht, stellten die potentiellen nichtöffentlichen Bauherren Deutsche Post AG, Postbank und Deutsche Telekom AG zur Disposition. Abbruch, Integration oder Erhalt waren den zehn geladenen Architekten freigestellt, obwohl der Beschluss des Rates der Stadt Bonn vom 13. Juni 2007 bestimmt, das Festspielhaus solle "in unmittelbarer Nähe zur bestehenden Beethovenhalle errichtet" werden, deren Erhalt somit vorausgesetzt wird. Die Auswahl der Wettbewerbssieger spricht Bände und bereitet die Bürgerschaft schon einmal auf die Schaffung vollendeter Tatsachen vor. Drei der vier prämierten Entwürfe sehen die vollständige Beseitigung vor, einer schont lediglich die Nebenbauten.
Eine Jury, in der auch ausgewiesene Kenner und Liebhaber der Wiederaufbaumoderne vertreten waren, kaprizierte sich auf Lösungen, die den 1959 eingeweihten und lange Zeit als Meisterwerk gefeierten Bau Siegfried Wolskes eliminieren. Nachdenklich macht dies schon deshalb, weil drei der Vorrundensieger - Hadid, Hermann & Valentiny und Isozaki - unverkennbar von Wolskes gemäßigt expressionistischem "organischem" Bauen inspiriert sind, also den Altbau aktualisierend wiederholen. Vollends irritierend aber wird die Entscheidung beim Vergleich des eher faden Meier mit den ausgeschiedenen brillanten Entwürfen des Düsseldorfer Teams Schuster Architekten und der Mailänder Antonio Citterio and Partners.
Die Düsseldorfer schlagen vor, Wolskes markant facettierten Kuppelaufbau, eine Paradeleistung des "sphärischen Bauens" der fünfziger Jahre, zu erhalten und mit einem monumentalen und doch eleganten Flachbau zu umbauen, der zum Rhein hin als durchgängig verglastes Foyer kühn auskragt. Die Geschmeidigkeit der Wiederaufbau-Ära und die klassisch strenge Eleganz eines Le Corbusier, schwebeleicht entschärft durch heutige Unbefangenheit, kennzeichnen diesen Vorschlag, der zukunftsweisend ist, weil er die Geschichte mit sich trägt. Gleiches gilt für das Mailänder Büro, das unter dem Titel "Monolith" dem sanierten Altbau einen expressiv in Stufen sich neigenden, langgestreckten Flachbau hinzufügt und Alt und Neu mit einer pathetischen Freitreppe zum Rhein hin vereint.
Auch Allies and Morrison Architects aus London waren fasziniert von Siegfried Wolskes Gebäude. Doch sie kombinieren es ungelenk mit einem neuen, pultartig ansteigenden Vierkant, dessen Gitterhülle zwar an Kopenhagens neues Konzerthaus erinnert, aber sich zum Altbau verhält wie zu einem unvermeidlichen Übel. Bleibt nachzutragen, dass Helmut Jahn, Schöpfer des ehrgeizigen Post-Towers, eine spillerige Hightech-Version der berühmten Luzerner Konzerthalle von Jean Nouvel ablieferte, und dass David Chipperfield eine monumentalisierte Paraphrase seines pfeilergesäumten Marbacher Walhalla sowie seines Eingangspavillons der Berliner Museumsinsel anbot, während Thomas van den Valentyn den Titel "Kulturquadranten" wortwörtlich und deshalb monoton in Architektur übertrug.
Bis Mai sollen die siegreichen Vier ihre Entwürfe überarbeiten. Dann wird, derweil die künftigen Betreiber, eine Stiftung, sinnieren, wie man die neue Halle zum "Wallfahrtsort für Beethoven-Anhänger" machen kann, der Sieger ausgerufen werden. Zügig geht man vor, beflügelt von der Tatsache, dass der Name Beethoven weltweit klingt und selbst Stararchitekten, die sich sonst kaum noch Wettbewerben aussetzen, nach Bonn lockte. Doch recht wohl ist einem nicht angesichts des flotten Tempos, das so viel Bilbao-Effekt und so wenig Rückbesinnung auf vorhandene Qualitäten zum Vorschein gebracht hat. DIETER BARTETZKO