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Genie und Staatsballettswahnsinn

Wie Vladimir Malakhov in Berlin als Percy Bysshe Shelley mit den Zehen wippt

Die getanzte Künstlerbiographie zählt zu den unglücklichsten Genres im zeitgenössischen Handlungsballett. Selten lernt man etwas Neues, außer, dass Genies es mitunter recht schwer im Leben haben, vor allem die unkonventionellen: Wahnsinn, was die manchmal durchmachen müssen. Doch ist der Einwand gegen die mangelnde Recherche vielleicht noch der schwächste, denn den lässt Hollywood auch nicht gelten. Neue Schauspieler müssen reichen, die Gegenstände können die bekannten sein. Am Staatsballett Berlin nun also neu in der Rolle des bekannten englischen Romantikers Percy Bysshe Shelley: Vladimir Malakhov.

Wo ist das Problem?, könnte man fragen. Zum Beispiel hier: Schon in Hollywood sind die schwierigsten Geniefilmstellen jene, an denen das Genie denkt und wirkt. Der Komponist taucht die Feder in die Tinte und lässt die Noten über das Papier tanzen, der Schriftsteller zerknüllt entnervt den halbgefüllten Bogen, die Kerze flackert, der Blick lodert, Wein funkelt im Glas. In diesen Momenten wartet das Publikum nur darauf, dass die peinliche Szene, in der es sich andächtig fühlen soll, als schaute es dem echten Mozart oder Schiller über die Schulter, endlich vorübergeht. Darum sind diese Szenen kurz. Sie sind grundfalsch, funktionieren nie, müssen nach Meinung aller aber unbedingt vorkommen.

So auch in der neuen Inszenierung des Stellvertretenden Ballettdirektors der Pariser Oper, Patrice Bart, beim Staatsballett Berlin. Malakhov sieht bereits albern aus, wenn er nur lesen spielen soll und dazu mit einem Buch vor der Nase von links nach rechts hüpft. Aber war es nicht doch Byron, der stets hüpfend las? Die Tanzforschung ist da uneins. Deshalb darf unser Shelley, um schneller über das Genierliche, wie der Berliner sagt, dieser Szenen hinwegzukommen, seine spontanen Eingebungen auf einem riesigen Papierballon notieren, den bereits Notizen in Schönschrift zieren. Im Programmheft ist Malakhov als Shelley sitzend neben einem solchen Ballon abgebildet, auf dem die Worte "Why Not?" zu lesen sind.

Warum nicht? Da fallen uns aber noch ein paar Argumente ein. Der wichtigste Unterschied zum Hollywood-Film ist der Ton. Da können Mozart und Schiller vielleicht nicht überzeugend komponieren oder dichten, aber reden können sie doch halbwegs historisch verbürgt. Der Shelley auf der Staatsopernbühne kann leider nur den Fuß strecken, seine zahlreich umherschwebenden Musen halbherzig anlächeln und seine prächtigen historisch total verbürgten Beintrikot-Kostüme (Luisa Spinatelli) umhertragen. Und genauso viel versteht der Zuschauer auch an diesem Abend, etwa so viel wie in einer Jane-Austen-Verfilmung ohne Ton.

Als wäre das noch nicht genug, ist dem Bühnenbildner außer etwas Farbe nichts eingefallen. Hier mal drei Stühle, da mal eine Treppe, dort ein paar Vorhänge und am Schluss ein paar hinter einer Kaimauer aus Tanzteppich aufragende Segelbootmasten. So langweilig sahen England und Italien selten aus. Vermutlich klang Felix Mendelssohn Bartholdy auch noch nie so supermarktkonservenhaft. Für zwei Stunden und fast fünfzig Minuten hat der amerikanische Dirigent Ermann Florio dessen Kompositionen aneindergeschnitten. Ganz anders als beim Sommernachtstraum geht das fast nie gut.

Nach der letzten Sensationsrolle des Genres "Genie und Staatsballettswahnsinn", als Malakhov den gern halbnackt malenden Caravaggio gab, ist es doch bemerkenswert, dass an dem Untergang dieser Schnulze der Ballettchef sicher den geringsten Anteil haben wird. Er agiert so verhalten und nachdenklich, wie es ihm nur zu Gebote steht. Patrice Bart killt sein Stück auch nicht durch zu dickes Auftragen von Gefühlen, sondern eher mit einer unendlichen Langeweile, die dadurch entsteht, dass man ständig überlegen muss, wer jetzt als wessen Muse gerade die Bettseiten wechselt - so verwechselbar sind diese in Empirekleidchen über die Bühne flatternden Groupies. Polina Semionova gibt die letzte Ehefrau des Dichters und Autorin des "Frankenstein", Mary Wollstonecraft. Sie tanzt, als habe man ihr genauere Literaturangaben verweigert.

Ein solches Ballett braucht eine großartige Vorlage, ein Libretto, klare Ideen von den Figuren, es muss charakteristische Schlüsselszenen zeigen, kurz: dramatisch sein. Dieser Shelley und seine Entourage sehen aus, als wäre ein Stäubchen auf der Pelerine schon das größte Drama und die schlimmste vorstellbare Konsequenz aller albtraumhaftesten Entgleisungen des Lebens die Entlassung des Kammerdieners. Da aber waren Bart und seine Chefdramaturgin durchaus falsch informiert. WIEBKE HÜSTER

Quelle: F.A.Z.

 
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