25.05.2011 · An den Küsten der Verzweiflung: Das ostasiatische Kino in Cannes
CANNES, im Mai
Kim Ki-duk hat eine Katze. Die füttert er mit selbstgekochtem Reis. Er hat auch einen Bagger. Mit dem baggert er auf dem eigenen Grundstück herum, weshalb, weiß man zwar nicht recht, zumal es mitten im Winter ist, aber es sieht lustig aus, und vielleicht hat Kim das Ganze ja überhaupt nur für die Kamera gemacht.
Diese Frage, was hier wahrhaftig und was inszeniert ist, stellt sich andauernd in "Arirang", dem neuen Film des koreanischen Regisseurs. So oder so ist dies ein Selbstentblößungsdokument von einer Radikalität, wie man es lange nicht gesehen hat. Kim filmt sich selbst, verzottelt, ungewaschen, betrunken, irgendwo auf dem Land; er filmt sich beim Wasserkochen und Holzhacken, vor allem bei endlosen Litaneien darüber, was er mal war, was aus ihm geworden ist, und wer daran Schuld hat.
Einst war Kim der neue Star des aufblühenden koreanischen Kinos, 2004 gewann er gleich zwei Regiepreise, einen in Berlin und den anderen in Venedig. Dies erwähnt Kim allein dreimal in "Arirang", und die monomanische Wiederholung der immer gleichen Geschichten, der Einstellungen auf das Gesicht des Regisseurs, etwa wenn er beim Anschauen der eigenen Filme in Tränen ausbricht, sind ebenso das Dokument eines Selbstzerstörungstriebs wie eines gnadenlosen Narzissmus. Man kann sich gut vorstellen, warum der Film Emir Kusturica gefallen hat, der diesmal der Jury in der zweiten offiziellen Sektion von Cannes, "Un Certain Regard" vorstand. Er und seine Juroren gaben "Arirang" die Hauptauszeichnung (die er sich mit dem Deutschen Andreas Dresen für dessen "Halt auf freier Strecke" teilt). Und so nervtötend Kim Ki-duks Film ist, so verständlich ist der Preis. Denn ohne Frage ist dies einer der ehrlichsten Filme Kims. Schonungslos zeigt sich hier ein Filmemacher in den Ruinen seines Ruhms und reflektiert den Absturz in die Belanglosigkeit.
Auch in diesem Frühjahr erscheint Korea wieder als der innovativste Ort des ostasiatischen Kinos. Dafür standen in Cannes zwei weitere Beiträge in "Un Certain Regard": zum einen der frankophile Autorenfilmer Hong Sang-soo, inzwischen Stammgast in Cannes, mit "The Day He Arrives", einer zarten Etüde über das Vergehen der Zeit. Der Charme dieser einfachen Geschichte über einen jungen Mann, der ein paar Tage zu Besuch in Seoul ist, dort seine Ex-Freundin und Freunde trifft, liegt in ihrer Melancholie und in der Beiläufigkeit, für die dieser Regisseur eine einzigartige Gabe besitzt.
Ein ganz anders temperiertes Talent ist Na Hong-jin, der sich mit seinem zweiten Spielfilm in die erste Garde des koreanischen Kinos katapultiert: Von der ersten Minute an ist "The Yellow Sea" atemberaubendes, wildes Kino, angesiedelt an den Küsten des "Gelben Meeres" zwischen China und Südkorea. Eine rasante Szene am Mahjong-Spieltisch leitet diese Meditation über Glück und Schicksal ein, die in vier Kapiteln vorangetrieben wird. Im Zentrum steht Gu-Nam, ein koreanischer Migrant, der sich in China als Taxifahrer verdingt. Er trinkt zu viel und hat hohe Schulden. Von brutalen Geldeintreibern gejagt, lässt er sich auf einen teuflischen Pakt ein: Ein leutseliger Gangsterboss begleicht die Schulden, wenn er dafür in Korea einen Mord begeht. In der ersten Hälfte ist das ein asiatischer Film Noir, der einen Verzweifelten porträtiert, wie er illegal per Boot über die Grenze kommt, lernt, nicht aufzufallen, und im Billighotel den Mord plant.
Gerade die Phase der Tatvorbereitung ist brillant gefilmt, und der Zuschauer bleibt immer auf Augenhöhe, also in vollkommener Verunsicherung. Alles geschieht nachts, im auch moralischen Halbdunkel. Gu-Nam muss lernen, etwas zu tun, von dem er nichts versteht, das aber nicht schiefgehen darf. Tut es natürlich doch, weil just in den Minuten vor der geplanten Tat zwei weitere Mörder auftauchen - die Gu-Nam die Arbeit abnehmen. Trotzdem ist er es, der von der Polizei gejagt wird. Und so geht es weiter, bald ist auch die Mafia auf den Spuren der Hauptfigur, die wie ein gehetztes Tier zunächst im Wald, dann im Großstadtdschungel eines Landes verschwindet, in dem er längst zum Fremden geworden ist. Bewunderung verdient vor allem die Eleganz von Nas geschmeidiger Inszenierung, ihr Variantenreichtum, die Direktheit seines Erzählens und die Kunst, mit der er den Genrestoff nutzt, um zugleich viel vom Raum und seinen Menschen, und vom illegalen chinesisch-koreanischen "trafficing" auf die Leinwand zu bringen.
Auch ein Genrestoff, aber ein ganz anderer Filmtyp, ist "Wu Xia" vom Hongkong-Routinier Peter Chan Ho-sun. Ein Martial-Arts-Film, der die Ruhe und Klassizität eines Westerns ausstrahlt und zugleich so wirkt, als habe Chan Cronenbergs "History of Violence" ins Yunnan des Jahres 1917 versetzt. Liu, ein kleiner Papiermüller, der mit Frau und zwei Söhnen ein bescheidenes Leben führt, wird zufällig Zeuge eines Überfalls und tötet beim folgenden Kampf die Täter. Er scheint einfach viel Glück gehabt zu haben, doch ein findiger Polizeidetektiv mit Hut und Brille wie Sun Yat-sen kommt ihm anhand von Indizien auf die Schliche: Liu ist in Wahrheit ein Ex-Gangster, der mit neuer Identität ein anständiges Leben begonnen hatte, und nun, weil das auch seiner alte Bande nicht verborgen blieb, von der Vergangenheit eingeholt wird.
Das gibt den Stars Donnie Yen und Takeshi Kaneshiro Gelegenheit zu wunderbar choreographierten Kampfszenen, zugleich lässt sich der Film als Fabel über Identität, Erkenntnis und Vernunft lesen und darüber, ob Neuanfänge möglich sind. Dass das Themen sind, die auch das China von heute umtreiben, belegte "Sauna on Moon", Zou Pens Tragikomödie um ein Bordell in Macao (in der "Semaine"), die vor allem durch die Kamera von Yu Lik-wai bestach, der regelmäßig mit Jia Zhang-ke arbeitet, einem der wichtigsten Gegenwartsregisseure Chinas. Dagegen erlebte das Mainlandkino einen schwachen Frühling. Der neue Film von Lou Ye ist zwar fertig, soll aber vom Festival abgelehnt worden sein.
Dagegen war Japan, das dritte große Kinoland Ostasiens, mit gleich zwei Filmen im Wettbewerb vertreten. Mehr als Miike Takeshis eher zähe Samurai-Ballade "Hara-Kiri" und Naomi Kawases Provinztragödie "Hanezu" bleibt aber Eric Khoos "Tatsumi" in Erinnerung, der das Leben des gleichnamigen Meisters der "Gekika"-Graphic-Novels erzählt - als Anime-Dokumentation wie "Waltz with Bashir". Die Lebensgeschichte des 1935 geborenen Yoshihiro Tatsumi wird zum Spiegel der Geschichte des Nachkriegsjapan - für Tatsumi und seine Generation war der "schwarze Regen" am Tag des Atombombenabwurfs über Hiroshima das Initiationserlebnis. Schwarz sind bis heute auch seine Geschichten, die immer wieder von Versuchungen erzählen, von moralischen Abgründen und von der Korruption, die den Glanz des Nachkriegsjapan unsichtbar imprägniert.RÜDIGER SUCHSLAND